Hier irrt Prof. Sinn

In der Zeitschrift „Schweizer Monat“ ist jüngst ein Interview mit Prof. Sinn erschienen.

Ich persönlich schätze die Einlassungen von Prof. Sinn sehr. Geerdet, in sich schlüssig, fest auf dem Boden der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Ökonomie, trotzdem wohltuend pragmatisch bei seinen politischen Vorschlägen. Ein Wissenschaftler weit ab vom Elfenbeinturm.

Zur sogenannten Energiewende hat Prof. Sinn in der Vergangenheit schon das Notwendige gesagt, z.B. in seinem schön zusammenfassenden Vortrag „Energiewende ins Nichts“.

Auch im vorliegenden Interview spricht Prof. Sinn entscheidende Schwächen der Energiewende an. Beispielsweise den Widerspruch, die Energiewende als Klimaschutzprogramm zu verkaufen, obwohl man gleichzeitig aus der einzig sinnvollen CO2-freien (ja, ich weiß, nix ist wirklich CO2-frei, insbesondere nicht die sogenannten Erneuerbaren Energien und auch nicht die Kernenergie, aber bei der Kernenergie ist der Ausstoß über alles so gering, dass die Bezeichnung CO2-frei durchaus treffend ist) Stromerzeugungstechnologie aussteigt.

Ich denke aber, dass Prof. Sinn bei einigen seiner Prognosen völlig falsch liegt. Eine davon, als Antwort auf die Frage nach der Stromerzeugung in 20 Jahren: „Wir werden wieder Atomkraftwerke haben, solche eines neueren Typs, der den veränderten Sicherheitsvorstellungen genügt. Ich sehe nicht, wo der Strom sonst herkommen sollte.“

Es zieht sich durch das Interview – Prof. Sinn geht davon aus, dass es in Deutschland noch ökonomischen Restverstand in Politik und Bevölkerung gibt. Dass, wenn die Stromversorgung nur entsprechend teuer wird, man sich besinnen wird auf sinnvolle und gangbare Wege zurück auf den Weg der ökonomischen und auch ökologischen Vernunft (warum weder Windkraft noch Photovoltaik und schon gar nicht Biomasse ökologisch sinnvoll sind wäre wohl genug Stoff für eine ganze Artikelserie).

Ich denke, dass dieser Optimismus nach den Erfahrungen der letzten 20 Jahren überhaupt keine Grundlage hat. Sowohl Politik als auch Gesellschaft sind zu großen Teilen bereit und willig, ökonomisch unsinnige Dinge trotzdem zu tun und dafür praktisch beliebig viel Geld auszugeben. EEG, Euro-Krise, Rente mit 63, Griechenland-Rettung, Mindestlohn, Flüchtlingspolitik.

Dazu kommt die Tatsache, dass wir offenbar breite lernresistente Bevölkerungsschichten haben sowie die übergroße Mehrzahl der Medien, die weitgehend unabhängig von den Fakten operieren und „berichten“. Woher soll der Funke der Vernunft kommen? Der letzte Moment der Hoffnung war bei mir das Wahlergebnis 2009. Die Union zurechtgestutzt aufgrund der katastrophalen Großen Koalition, eine wiedererstarkte FDP aufgrund eines glasklaren liberalen wirtschaftspolitischen Programms. Es folgte wie bekannt das Totalversagen der FDP in allen relevanten wirtschaftspolitischen Fragen unter einem beispiellosen medialen Dauerfeuer. Sogar beim Ausstieg aus der Kernenergie nach Fukushima hörte man keine Stimme der Vernunft von der FDP.

Besondere Beachtung muss auch die traditionell seit den frühen 80er Jahren vorhandene totale Ablehnung der Kernenergie in weiten Teilen der Bevölkerung und der Medien neben dem praktisch vollständigen Fehlen entsprechender Öffentlichkeitsarbeit der Kernenergiebeführworter finden.

Aus diesen Gründen halte ich es für völlig ausgeschlossen, dass in Deutschland innerhalb der nächsten 50 Jahren neue Kernkraftwerke gebaut werden. Und das ist völlig unabhängig davon, was das für Kraftwerkstechnologie ist – inhärent sicher, in der Lage den alten hochaktiven Abfall zu neutralisieren, superpreiswert, hoch verfügbar, schnell regelbar. Das Verhältnis der deutschen Bevölkerung zur Kernenergie ist komplett irrational, warum sollten rationale Argumente etwas daran ändern?

Die Antwort auf Prof. Sinns Frage, woher denn sonst der Strom kommen solle, ist relativ einfach. Kohle, Gas, Biomasse, Wind, Sonne. Bevor in Deutschland ein neues Kernkraftwerk gebaut wird, werden wir das Land komplett zugepflastert haben mit Windrädern, die in Zeiten der Überproduktion „Windgas“ oder Wasserstoff erzeugen, um die Flauten auszugleichen. Wir werden uns auf Gedeih und Verderb an das russische Erdgas binden, weil wir zu feige für Fracking im eigenen Land sind. Wir werden ggf. Strom importieren. Wir werden im Zweifel auf den Klimaschutz pfeifen und weiter Kohle verstromen. Alles ist in Deutschland einfacher zu verkaufen als Kernenergie.

Prof. Sinn sagt: „Ich bezeichne die Energiewende als einen Irrweg, da wir noch nicht über die technischen Möglichkeiten verfügen, den grünen Strom zu glätten.“ Da liegt er komplett falsch. Denn natürlich haben wir die technischen Möglichkeiten – sie sind nur sehr teuer, deshalb hält sie Prof. Sinn als Ökonom für nicht relevant. Er liegt komplett falsch. Geld spielt keine Rolle. Politik und Bevölkerung werden nicht zögern, unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter zu reduzieren. Das hat man doch in der Vergangenheit gesehen. Und vermutlich wird es sich gar nicht so dramatisch auf den Wohlstand in Deutschland auswirken, kleinere Einbußen – auch das lehrt die Vergangenheit – scheinen aber niemand zu interessieren, man fährt dann halt das traditionell-sozialistische Argumentationsmuster „die Reichen sind schuld“. Und im Angesicht der Auswirkungen des Flüchtlingsstroms werden ein paar 100 Mrd. EUR für die Energiewende sowieso nicht ins Gewicht fallen.

Im Einführungsartikel meines Nachbarblogs habe ich geschrieben, dass der Blog auch so eine Art Archiv sein soll, um das oft wiederkehrende Gefühl „ich hab’s ja gleich gesagt“ auch faktisch zu untermauern. Ich bin eigentlich ein optimistischer Mensch, aber bezüglich der Qualität von Politik und Medien insbesondere im Bereich Energieversorgung bin ich über die Jahre sehr pessimistisch geworden. Wir werden sehen, ob Prof. Sinn richtig liegen wird oder ich. Wir lesen uns in 20 Jahren wieder.

Fritz Kuhn empfiehlt: Auto fahren!

Die Stadt Stuttgart verschwendet gerade Geld für eine Plakatkampagne im Rahmen der Mobilitätskampagne „Stuttgart steigt um“. Dabei schaut mir gerade auf meinem Weg zur Arbeit – selbstverständlich per Auto – Fritz Kuhn direkt in die Augen. Dazu prangt der Schriftzug „Fahrt Smart!“ auf dem Plakat.

So einer Aufforderung sollte man nachkommen. Also: alle aufs Auto umsteigen. Auch, wenn man nicht direkt einen Smart hat. Die Tatsache, dass auf dem Plakat auch ein größeres gelbes Fahrzeug zu sehen ist, kann getrost ignoriert werden.

Gedanken zu Griechenland

Getreu dem Motto „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem“ will ich noch ein paar Gedanken an die Griechenlandkrise und das große Drumrum verschwenden.

Zunächst gibt es bei der ganzen Chose eine Menge Wortmeldungen, die ich schlicht nicht verstehe. Warum behauptet jemand, die EU oder Merkel oder die EZB oder Schäuble würden sich in griechische Angelegenheiten einmischen? Auf so eine Idee kann nur ein sehr dummer Mensch (oder alternativ jemand, der Propaganda betreiben will) kommen. Griechenland will Geld. Griechenland hat bewiesen, dass es überhaupt keine gute Idee ist, ihnen ohne jegliche Bedingungen Geld zu geben. Ergo gibt es Bedingungen. Wenn Griechenland diese Bedingungen nicht passen, ist das doch kein Problem – jemand anderes gibt sicher gerne Geld zu besseren Bedingungen. Die Welt ist voll von durchgeknallten Investoren wie man hört.

Warum musste ich vorgestern im ARD-Brennpunkt hören, dass durch das „Nein“ der Griechen bei der Volksbefragung Tsipras nun gestärkt in weitere Verhandlungen geht? Das „Nein“ ist doch ein klares Signal, dass es keine weiteren Verhandlungen geben wird. Es sei denn natürlich, unsere lieben Politiker wollen einmal mehr einknicken und gutes Geld schlechtem hinterherwerfen. Leider nicht auszuschließen.

Sehr merkwürdig auch die Idee, alles würde gut werden, wenn nur Griechenland dem Euro entsagen würde und wieder auf die Drachme kommt. Welches Problem soll das denn lösen können? Eine Abwertung der Währung hat noch niemandem geholfen, weder kurz- noch langfristig. Wirtschaftliche Gesundung benötigt harte Reformen, nicht das süße Gift von Weichwährung und Inflation.

Unverständlich für mich, wie es Syriza offenbar immer wieder gelingt, die Schuld auf andere zu schieben – wahlweise böse Mächte, die EU, die EZB, der IWF oder die kapitalistische Weltverschwörung. Griechenland war unter der Vorgängerregierung dank einiger Reformen durchaus auf einem nicht ganz schlechten Weg. Bis dann Syriza sich auf die schlechten alten sozialistischen Tugenden besann und vieles wieder zerstörte. Auch das wehleidige Klagen, dass die vielen geforderten (und teils umgesetzten) Reformen doch nur die kleinen Leute träfe – Freunde, ihr seit die Regierung. Führt einfach Reformen durch, die die aus Eurer Sicht richtigen treffen und jammert nicht nur rum.

Und noch etwas: die vielen Milliarden, die in Griechenland versickert sind, sind nicht „der Finanzwelt“ zugutegekommen. Im Gegenteil, die „Finanzwelt“ wird noch kräftig beim unvermeidlichen Schuldenschnitt bluten müssen (so wie sie bereits beim ersten Schuldenschnitt geblutet hat). Die vielen Milliarden sind den Griechen zugutegekommen. Vielleicht nicht allen, vielleicht nicht den „richtigen“ – tja, liebe Griechen, hättet ihr besser mal eine Regierung gewählt, die das mit dem Verteilen besser kann.

Ab und zu behauptet auch jemand, die EU oder wer auch immer gerade das Feindbild ist würde demokratische Entscheidungen der Griechen nicht akzeptieren. Vor allem Frau Wagenknecht von der Linken befeuert dieses Narrativ gerne und ausführlich, weil natürlich auf keinen Fall ihre linken Parteifreunde der Syriza für das Schlamassel verantwortlich sein kann – die sind schließlich auf die Opferrolle abonniert. Was für ein absoluter Bullshit. Die Griechen dürfen alles in welcher Art auch immer ganz alleine für sich entscheiden. Z.B. bei der jetzt durchgeführten Volksbefragung. Aber eine demokratische Entscheidung führt nicht zu einem Wünsch-Dir-Was im Anschluss. Ein demokratischer Beschluss „die Welt muss Griechenland hunderte Milliarden schenken“ darf gerne gefasst werden, wird aber wenig zielführend sein.

Großkonzerne haben’s schwer

Seit kurzer Zeit hat Coca-Cola eine neue Coke-Variante im Angebot: Coke Life. Wer es noch nicht weiß: Coke Life erkennt man am grünen Etikett und Deckel (wer erinnert sich noch an die grausame Zeit, als die klassische Coke einen grünen Deckel tragen musste?). Inhaltlich hat man einen Teil des Zuckers durch Stevia-Süße ersetzt. Genauer: 37% des Zuckers wird ersetzt. Was kalorienmäßig dann bei 270 kcal pro Liter landet. Im Vergleich: die klassische Coke liegt bei 420 kcal/l.

Als neugieriger Mensch und Coke-Liebhaber habe ich natürlich direkt testgetrunken. Und bin soweit zufrieden: geschmacklich ist die Coke Life recht nah am Original. Hat aber doch einen eigenen, angenehmen Geschmack. Vergleiche mit den Null-Kalorien-Varianten Light und Zero verbieten sich – beide schmecken bekanntlich komplett anders als das Original und „bestechen“ durch den unangenehmen Süßstoff-Nachgeschmack, der Kaloriensparer aller Länder in den Wahnsinn treibt.

Soweit meine persönliche Einschätzung. Heute durfte ich auf Focus Online (der Link ist merkwürdig, aber Stand heute korrekt – er scheint eher auf den Vorbeitrag des Experten zu verweisen) die Meinung des Experten Christoph Engl dazu lesen.

Darin prophezeit der Autor einen gewaltigen Flop. Dabei postuliert er allerhand mutige Thesen: die grüne Farbe wurde von Coca-Cola gewählt, um das Produkt mit den Attributen „natürlich“, „gesund“, „umweltbewusst“ und „sozialverträglich“ zu positionieren. Und weil inzwischen nur noch „kritische Kunden“ existieren – früher allesamt „bedenkenlose Konsumenten“ – wird das keiner kaufen wollen. Zudem die Konsumenten den Geschmacksverlust auf keinen Fall in Kauf nehmen werden. Man fragt sich, wo die ganzen Kunden für Light und Zero herkommen, wenn Geschmacksverlust nicht toleriert wird.

Derart in Fahrt, legt der Autor mit Beispielen „ähnlicher Versuche etablierter Marken“ nach: darunter VW mit dem Phaeton und Nivea im Bereich Kosmetik. Bekanntlich ist nicht alles, was hinkt, ein Vergleich – aber die Gemeinsamkeiten zwischen diesen Dingen sind doch sehr überschaubar.

Laut Autor wurden übrigens Geschmackstests durchgeführt die beweisen, dass Stevia-Extrakt anders schmeckt als Rohrzucker. Da denkt man unweigerlich an Loriot: „Ach.“ Oder modern: Captain Obvious. Ob diese Geschmackstests aber tatsächlich Coke vs. Coke Life verglichen haben und zu „merklichem Geschmacksverlust“ geführt haben, würde ich nach meinen Geschmackserfahrungen spontan bezweifeln. Tatsächlich würde ich vermuten, dass im Doppelblindversuch viele Probleme hätten die echte Coke von seinem Life-Bruder zu unterscheiden.

Die Zeit wird zeigen, ob die Coke Life sich am Markt etablieren kann. Nachdem es aber seit buchstäblich Jahrzehnten eine Geschmacksverirrung wie Cherry Coke geschafft hat, verfügbar zu bleiben, sehe ich für die Coke Life keineswegs schwarz.

Seit langer Zeit beobachte ich, dass einige Großkonzerne gerne von allen möglichen Seiten angepisst werden. Typische Ziele sind neben Coca-Cola auch McDonalds, Microsoft, Shell oder General Motors. Komischerweise deutlich seltener ebenso große Konzerne wie Apple oder Toyota. Illustriert schön den typischen „Media Bias“. Hier die Guten, dort die Bösen. Nur gepflegte Feindbilder sind gute Feindbilder.

Am Ende sei mir noch ein Hinweis erlaubt: als ich zum ersten Mal die Coke Life im Regal stehen sah, war meine Grün-Assoziation lediglich „aha, wahrscheinlich was pflanzliches drin“. Denn kein halbwegs vernünftiger Mensch, der noch nicht komplett von der pseudo-grünen Medienkampagne gehirngewaschen wurde, assoziiert mit „Grün“ Dinge wie „umweltbewusst“, „gesund“ oder „sozialverträglich“. Wenn uns die letzten 30 Jahre „grüne Politik“ etwas gelehrt hat, dann doch wohl, dass sie für das genaue Gegenteil steht.

Lieblingsblogs vorgestellt: Rentnerblog

Heute will ich einen Blog vorstellen, über den ich vor einigen Jahren eher zufällig gestolpert bin. Dr. Willy Marth schreibt in seinem „Rentnerblog“ über Themen wie unsere Stromversorgung, die Energiewende, die Kernenergie und auch mal über das KIT, wo er ein paar Jahre forschte, als es noch Kernforschungszentrum Karlsruhe hieß.

Die Beiträge sind allesamt kenntnisreich und wohlformuliert, ein echter Lesegenuss. Besonders die Artikel über die Kerntechnik sind exzellent und profitieren vom enormen Hintergrundwissen des Autors.

Ab und an gibt es auch mal einen Beitrag über kulturelle oder geschichtliche Themen, was die Sache schön auflockert. Und dem Bloguntertitel „Blogge über Gott und die Welt“ absolut gerecht wird.

Der Blogautor ist gleichzeitig auch Buchautor. Bisher zwei Bücher gehen auf sein Konto: „Meine Erlebnisse an deutschen Kernreaktoren und Wiederaufarbeitungsanlagen: Lustige und weniger lustige Geschichten eines Insiders“, welches ich mit großer Begeisterung gelesen habe und sein neuestes Werk „Energiewende und Atomausstieg“, das auf meinem Nachttisch auf dem noch-zu-lesen-Stapel liegt. Kurze Leseproben gibt es auf dem Blog.

Die einzige Schwäche des Blogs ist die geringe Postingfrequenz. Aber Qualität ist allemal wichtiger als Quantität.

Bisher in der Reihe „Lieblingsblogs vorgestellt“ veröffentlicht:

Weltuntergang. Heute: Artensterben in Deutschland

Weltuntergang ist immer berichtenswert. Bad News is Good News, nach diesem Motto arbeiten praktisch alle Qualitätsjournalisten. Diesmal hat eine Veröffentlichung des Bundesamtes für Naturschutz – gemäß Behörden-Abküfi kurz BfN genannt – die Basis für diesen wohligen Schauer, der uns beim Lesen der Weltuntergangsnachrichten immer überkommt, gelegt. Das BfN hat den ersten umfassenden Artenschutz-Report vorgelegt. Und SPIEGEL Online, WELT und Focus Online  haben natürlich „berichtet“ – in Anführungszeichen, weil sich die Artikel derart ähneln, dass vermutlich wieder mal geschätzte 98% des Inhalts von dpa abgeschrieben wurde, und die Tiefe der Eigenrecherche nicht mal in einer sehr flachen Pfütze für Grundberührung gesorgt hätte.

Denn Merkwürdigkeiten, denen man mal nachgehen hätte können, gibt es zuhauf. Laut Veröffentlichungen gibt es rund 72000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten in Deutschland. Im Report wurden allerdings nur 32000 Arten auf ihre Gefährdung hin untersucht – warum, bleibt im Dunkeln. Jedenfalls bezieht man vorsichtshalber die Schreckenszahlen fürderhin auf die 32000 und nicht auf die 72000 Arten und kommt damit auf 4% an bereits ausgestorbenen Arten.

4% klingt irgendwie viel. Im Artenschutz-Report kann man nachlesen, dass bisher 11 ausgestorbene Säugetierarten zu beklagen sind. Nein, ausgestorben trifft es nicht ganz, „ausgestorben oder verschollen“ heißt die Kategorie offiziell. Ob es wohl eine Liste gibt, wo man die ausgestorbenen Arten mal im Detail nachlesen kann? Zeit Online hebt sich positiv von SPON und Focus Online ab und verweist auf die Rote Liste des BfN. Von dort aus kann man das umfassende PDF aufrufen oder besser das ZIP runterladen und die CSV-Datei selbst inspizieren. Die Kurzzusammenfassung: bisher als ausgestorben oder verschollen gelten (chronologisch geordnet)

  • Auerochse (seit 1500)
  • Wildpferd (seit 1500)
  • Wisent (seit 1700)
  • Elch (seit 1800)
  • Braunbär (seit 1835)
  • Europäischer Nerz (seit 1930)
  • Ostigel (seit 1945)
  • Langflügelfledermaus (seit 1958)
  • Bayerische Kleinwühlmaus (seit 1962)
  • Großer Tümmler (seit 1970)
  • Europäisches Ziesel (seit 1985)

Damit ist auch klar, warum man die Liste wohl ungern an die große Glocke hängt, zeigt sie doch überhaupt keine Verschärfung der Situation in jüngster Vergangenheit, sondern legt nahe, dass nicht unbedingt menschliche Aktivität zum Aussterben von Arten führt.

Besonders kurios das Aussterben des Ostigels (nicht weniger kurios: die Rechtschreibprüfung in Word kennt das Wort nicht und will es u.a. durch „Rostigen“ oder „Ostgeld“ ersetzen). Das Jahr 1945 als Jahr der letzten Sichtung lässt natürlich sofort den Bullshit-Indikator ansprechen. Und tatsächlich: der Ostigel war schon immer nur in Osteuropa heimisch, heute etwa ab Polen ostwärts. Im heutigen Bundesgebiet hingegen noch nie. Als Deutschland 1945 seine Ostgebiete an Polen abtrat, starb damit auch der Ostigel in Deutschland aus. Kein Scherz. Der Zweite Weltkrieg führte also zum Aussterben des Ostigels in Deutschland. Aber anders, als man auf den ersten Blick glaubt.

Noch eine Anmerkung – es ist völlig unklar, warum die intensive Landwirtschaft als Hauptproblem angesehen wird. Denn „intensiv“ bedeutet ja nichts anderes als „minimaler Flächenverbrauch“. Und letztlich ist doch das Maximieren naturbelassener Flächen der Schlüssel zum erfolgreichen Artenschutz. Wenn man sich überlegt, dass schon über 10% der Agrarfläche in Deutschland für die Energiewende genutzt wird (Biomasse-Anbau), sollte klar sein, wo die wahren Probleme liegen. Auch intensive Waldbewirtschaftung zur Befriedigung der Pellet- und Hackschnitzel-Nachfrage ist ganz sicher kontraproduktiv. Plakativ formuliert: die Energiewende tötet Tiere und Pflanzen.

Aber bis diese Denkverbote in den Qualitätsmedien aufgebrochen werden, das dauert noch ein Weilchen. Immerhin war diesmal nicht hauptsächlich der Klimawandel für die Misere verantwortlich – es gibt also Hoffnung. Obwohl er natürlich in der Berichterstattung als die dunkle Bedrohung der Zukunft immer erwähnt wird.

Die Frage, ob es denn wirklich auch nur ein kleines Problem ist, wenn eine Art in Deutschland ausstirbt, ist damit noch nicht mal angeschnitten – vielleicht ein Thema für einen zukünftigen Artikel.

Was zum G36

Das G36 von Heckler & Koch, das Standardsturmgewehr der Bundeswehr seit 1996, ist derzeit in aller Munde und beherrscht die Titelseiten der Print- und Onlinepresse. Ich habe nun zig Artikel darüber gelesen, und irgendwie schlug fast immer mein Bullshit-Indikator an. Ich bin nun wahrlich maximal interessierter Laie, was Feuerwaffen angeht. Also habe ich ein wenig quergelesen in diversen Zeitungen, Kommentaren zu Artikeln und Blogs.

Exemplarisch sei dieser Artikel auf SPIEGEL Online genannt. Es wird aus einem (geheimen, oder jedenfalls der Öffentlichkeit nicht zugänglichen) Untersuchungsbericht zitiert, wonach nach dem Verschuss von zwei Magazinen (zusammen 60 Schuss, falls das Standardmagazin genutzt wird – aber wurde das genutzt? Das bleibt leider im Dunkeln.) die Treffwahrscheinlichkeit auf 53% sinke.

Man könnte auch sagen: nix genaues weiß man nicht. Vielleicht wurden die 100-Schuss-Trommelmagazine verwendet? 200 Schuss oder 60 Schuss scheint für SPIEGEL Online keinen Unterschied zu machen. Was wurde versucht zu treffen, und auf welche Entfernung? Und in welchem Zeitraum wurde diese Schusszahl abgegeben? Wenn es tatsächlich ein Hitzeproblem gibt, ist das doch eine ganz entscheidende Metrik. Allein: man erfährt nichts darüber. Auch schwere Maschinengewehre, die für Dauerfeuer konzipiert wurden, können bekanntlich überhitzen, deshalb werden üblicherweise Ersatzläufe mitgeführt – sind die deshalb untauglich?

Ähnlich sieht es beim Thema „Vergleichsschießen“ aus. Angeblich wurde ein solches durchgeführt, von der Bundeswehr in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut. Leider fehlen auch hier alle Details in der Berichterstattung. Wie sah dieses Vergleichsschießen aus? Wieviel Schuss wurden in welchem Zeitraum abgegeben? Welche anderen Gewehre nahmen am Vergleich teil? Wenn die entscheidenden Fakten nicht auf dem Tisch liegen, sollte man das doch in der Berichterstattung auch erwähnen, oder?

Ebenfalls völlig unklar ist, was denn damals bei der Beschaffung des G36 für eine Spezifikation zugrunde gelegt wurde. Letztlich ist jedes Gewehr ein Kompromiss. Leicht soll es sein, preiswert, robust, treffgenau (auch für ungeübte Schützen – sprich Wehrpflichtige), idiotensicher…dass es kein Gewehr gibt, dass alle diese Eigenschaften hat, sollte jedem einleuchten. Man kann ja auch keinen Familien-Van kaufen, der so schnell wie ein Ferrari fährt und unter 10.000 EUR kostet. Und wieso ein Sturmgewehr, dessen Schütze nur einen begrenzten Munitionsvorrat mitführt, in einer Gefechtssituation als MG im Dauerfeuermodus eingesetzt werden soll, bleibt unklar. Inwiefern das G36 seiner Spezifikation genügt, lässt sich wohl daran ablesen, dass die Bundeswehr dem Gewehr die Abnahme erteilt hat (so hoffe ich jedenfalls, weil ich immer noch an einen gewissen Rest an Professionalität hoffe) und auch nach den neuesten Erkenntnissen die Bundeswehr immer noch der Meinung ist, das der Hersteller wohl nicht schadenersatzpflichtig ist. Wobei, da heißt es inzwischen „man prüft“. Erinnert ein wenig an Toll-Collect.

Wie man hört, wurde das G36 für eine Nutzungsdauer von 20-30 Jahren angeschafft. Es ist also in absehbarer Zeit sowieso eine Neuanschaffung fällig. Warum machen Bundeswehr und Verteidigungsministerium hier so ein Fass auf? Es riecht nach gezielter Rufschädigung, oder nach Ablenkung von anderen Merkwürdigkeiten des Beschaffungswesens (man denke an den immer noch nicht ausgelieferten Airbus A400M, oder die legendären Marinehubschrauber, die leider nicht seefest sind). Denn finanziell ist der Schaden doch sehr begrenzt: die bisher beschafften rund 180.000 Gewehre wurden wohl zu einem Stückpreis von rund 600 EUR gekauft, insgesamt also etwa 100 Millionen EUR. Das ist sicher ein Schnäppchen im Gegensatz zu den Kosten bei Eurofighter, Drohnen mit Flugverbot oder dem neuen Schützenpanzer.

Unterm Strich vermute ich, dass die Anforderungen an das G36 sich einfach über die Jahrzehnte gewandelt haben. Im Szenario „Kalter Krieg“ brauchte man eine unkomplizierte, robuste, leichte, preiswerte Waffe. Man rechnete mit einer Gefechtssituation der verbundenen Waffensysteme – für hohe Schussfrequenzen waren hier die echten MGs ausersehen, das Sturmgewehr sollte eher für den gezielten Einzelschuss auf 200-300m Entfernung oder maximal Dreier-Feuerstöße verwendet werden. Was ich inzwischen zu diesen Themen gelesen habe, legt nahe, dass in einem solchen Einsatzszenario das G36 eine sehr gute Figur macht. Dass Ursula von der Leyen in ihren zahllosen Pressekonferenzen und Statements zumindest indirekt den Hersteller dafür verantwortlich macht, dass das Gewehr nicht ihrem Wunschkonzert, sondern nur der ursprünglichen Spezifikation entspricht, spricht Bände.

Wenn das Verteidigungsministerium nun glaubt, für andere Einsatzszenarien jetzt und in Zukunft gerüstet zu sein, wäre es doch ein leichtes, für diese Truppenteile auf dem freien Markt ein besseres (in welcher Hinsicht?) Sturmgewehr zu beschaffen. Wie viele können das schon sein – 5.000? In Afghanistan war die deutsche Truppenstärke jedenfalls 1.500 Mann.

Wie gesagt, ich bin bei diesem Thema nur interessierter Laie. Aber bei quasi jedem Beitrag in den Qualitätsmedien fallen mir zig Sachen ein, die eigentlich zu einer anständigen Recherche dazugehören würden, die aber nicht thematisiert werden. Und das ist ärgerlich.

Lieblingsblogs vorgestellt: ScienceSkepticalBlog

Endlich der lang erwartete (von wem?) zweite Teil der Reihe „Meine Lieblingsblogs“.

Heute geht es um den ScienceSkepticalBlog. Mehrere Stammautoren wie Peter Heller, Günter Heß, Rudolf Kipp und Quentin Quencher bemühen sich hier, faktenbasiert ihre Skepsis bezüglich der Energiewende, der Klimakatastrophe und Irrwegen der Umweltpolitik auszudrücken. Die Artikel sind gut recherchiert, mit Quellenangaben versehen und wohlformuliert. Und zufällig spiegeln die meisten Artikel auch sehr gut meinen Standpunkt zu diesen Dingen wider. Wobei das natürlich alles andere als Zufall ist: wie könnte man auf Basis derselben Fakten zu signifikant unterschiedlichen Ergebnissen kommen?

Besonders lobenswert ist meines Erachtens der Standpunkt beim Thema Klimakatastrophe. Hier gibt es in den Reihen der Skeptiker ja eine ganze Anzahl von merkwürdigen Gestalten, die selbst spektroskopische Tatsachen wie die Isolationswirkung von CO2 in der Atmosphäre anzweifeln. Beim ScienceSkepticalBlog hingegen steht man mit beiden Beinen auf dem Boden der Physik. Man bezweifelt nur die Katastrophenwarnungen, die auf Basis fragwürdiger Modelle den Teufel an die Wand malen und mit Horrorprojektionen den baldigen Untergang der Menschheit prognostizieren.

Zum Einstieg am besten die Einführungsseite goutieren und ein paar der dort genannten Artikel lesen. Was ich noch nicht ganz verstanden habe ist die Trennung in „Artikel“ und „Blog“. Ich empfehle, einfach alles zu lesen :-)

Bisher in der Reihe „Lieblingsblogs vorgestellt“ veröffentlicht:

Ein paar Worte zu BHKWs und KWK

In praktisch jeder längeren Diskussion über die Energiewende (und auch schon in Vorwendezeiten) taucht früher oder später der Hinweis auf die scheinbar „magische“ Technologie der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) mit ihren phantastischen Wirkungsgraden auf. Vom Micro-BHKW in jedem Keller über BHKWs für Wohnsiedlungen bis zum großflächigen Einsatz in der Fernwärmeversorgung – wenn man doch nur überall KWK hätte, ja dann…wären doch alle Probleme gelöst.

Wann immer jemand behauptet, dass die „magic bullet“ existiert, sollte man hellhörig werden. Nur in den seltensten Fällen gibt es solche Patentlösungen. Und leider ist es bei der KWK (und ihrem weiter fortgeschrittenen Cousin KWKK) nicht anders.

Und das ist kein technisches Problem. Rein technisch kann man per KWK problemlos die Strom- und Wärmeversorgung von klein (EFH) bis groß (Stadt) bereitstellen.

Das Problem ist wie fast immer ein ökonomisches. KWK konkurriert gegen die klassische getrennte Erzeugung von Wärme und Strom. Seinen Wirkungsgradvorteil kann die KWK nur realisieren, wenn Wärme- und Strombedarf möglichst oft zur gleichen Zeit anfallen. Wenn man gerade viel Wärme braucht und wenig Strom, so hat man sich einen sehr teuren Heizkessel geleistet. Wenn man wenig Wärme und viel Strom braucht, so hat man sich ein Kraftwerk mit niedrigem Wirkungsgrad geleistet (oder man kann aufgrund fehlender Kühlmöglichkeit diesen Betriebsmodus überhaupt nicht fahren). Aus diesem Grund werden auch die allermeisten Anlagen stets wärmegeführt betrieben, was wiederum heißt, dass sie als flexibler Stromerzeugungs-Kompagnon zu den Zufallsstromerzeugern Windkraft und Photovoltaik nicht zur Verfügung stehen.

Dazu kommt, dass durch bessere Dämmung der Raumwärmebedarf ständig sinkt, und durch Niedertemperaturheizsysteme inzwischen sogar eine Luft-Wärmepumpe das effizientere Heizsystem darstellt, selbst wenn das BHKW im optimalen Bereich betrieben wird. Übrigens mit dem entscheidenden Vorteil, durch Betrieb mit sauberen Strom deutliche Umweltvorteile zu haben. Denn auch das ist ein Problem des typischen BHKWs: unnötige Luftverschmutzung. Klar, in Zeiten von Pellet- und Hackschnitzelheizungen scheint Luftreinhaltung sowieso keine Priorität mehr zu haben.

Großtechnisch hätte KWK durchaus seinen Charme – schon bei Neckarwestheim 2 wurde ein Fernwärmeanschluss vorgesehen, und moderne kleine modulare Kernkraftwerke wären sicher geeignet, stadtnah Fernwärme bereitzustellen. Aber auch hier gibt es den berühmten Haken: allein die Kosten für Bau und Betrieb des Fernwärmenetzes sorgen oft schon dafür, dass einem die Ökonomie einen Strich durch die Rechnung macht – selbst wenn die Wärmebereitstellung nichts kostet. Obwohl in Energiewendezeiten das Thema „Ökonomie“ scheinbar keine Rolle mehr spielt, wird allein die deutsche Kernenergiephobie solcherart sinnvolle Lösungen zuverlässig verhindern.

Angekommen in der Bedeutungslosigkeit

Neulich auf dem Weg zur Arbeit. Ich fahre an einem FDP-Plakat vorbei, auf dem das traditionelle Dreikönigstreffen in Stuttgart angekündigt wird. Wie immer stehen darauf die Namen der FDP-Spitzenpolitiker, die dort die Hauptredner sein werden.

Nun bin ich als bekennender Liberaler rein parteienspektrumstechnisch der FDP nicht abgeneigt, wenn auch tief enttäuscht von der stark suboptimalen Performance in der letzten schwarz-gelben Koalition auf Bundesebene. Umso bedenklicher, dass ich von den fünf Namen auf dem Plakat gerade mal einen ohne längeres Nachdenken identifizieren konnte: Christian Lindner.

Gibt es ein stärkeres Indiz dafür, dass die FDP inzwischen in der Bedeutungslosigkeit versunken ist? Ja, vielleicht: während früher die Qualitätspresse lustvoll auf die FDP eingeprügelt hat, ist inzwischen die Berichterstattung weitestgehend eingeschlafen. Wenn Dich nicht mal mehr der Feind ernst nimmt…