Neujustierung der 5%-Hürde in Sachsen-Anhalt

Das Handelsblatt Morning Briefing berichtet heute von einer absoluten Sensation: die 5%-Hürde liegt in Sachsen-Anhalt in Wahrheit bei 5,3%. Ich zitiere aus dem heutigen Newsletter: „Und das BSW könnte zum Schlüsselfaktor werden. Die Partei liegt mit exakt 5,3 Prozent genau an der Sperrklausel und würde fünf Mandate erhalten.“ Kann man – zumindest in diesem Moment (2026-09-07) – noch unkorrigiert hier nachlesen.

Nun gut, ein alternativer Erklärungsansatz mag sein, dass die 5%-Hürde in Sachsen-Anhalt weiterhin bei 5,0% verharrt und beim Handelsblatt der Journalist, die Redaktion, der verantwortliche Chefredakteur, die Faktencheckerbrigade, die Korrekturleser und auch die abschließende KI-Qualitätskontrolle nicht meine hohen Qualitätsansprüche teilen. Ja, wenn man darüber nachdenkt, wird das wohl durchaus plausibel sein – wobei vermutlich die naive Erwartungshaltung von mir als Konsument, dass mehr als ein übermüdeter Redakteur bei der Erstellung eines solchen kostenlosen Newsletters beteiligt ist, völlig überzogen ist, zumal es die alte Weisheit „was nix kostet is‘ nix“ zu beachten gilt. Obwohl der kostenlose Newsletter ja auch irgendwie Werbung sein soll für seinen großen Bruder „Morning Briefing Plus“, der echtes Geld kostet. Tja, liebes Handelsblatt, das war wohl nix mit einem neuen zahlenden Abonnenten bei dieser unterirdischen Performance.

Und ich dachte schon, die Frage von Tilo Jung (Podcast „Jung und Naiv“, der wohl eher „Dumm und Naiv“ heißen sollte) bei der Bundespressekonferenz sei der heutige intellektuelle Tiefpunkt des hiesigen Qualitätsjournalismus. Wer es aushält, kann hier ein paar Worte drüber lesen und das passende Video dazu schauen, inklusive der reißerisch-bis-irreführenden Überschrift von FOCUS Online.

Gedanken zur AfD

Bevor die Wahllokale in Sachsen-Anhalt schließen, noch ein paar unsortierte Gedanken zur AfD. Die Medienwelt kreist ja seit Wochen um quasi kein anderes Thema – mindestens ist die Demokratie in Gefahr, aber vermutlich droht der Weltuntergang. So weit, so normal – gemäßigte, logisch und sachlich argumentierende Kommentare und objektive Berichterstattung ist ja seit vielen Jahren schon Mangelware, und komischerweise wundern sich dieselben hysterischen Medien, dass sich der einst geneigte Konsument inzwischen nach anderen Informationsquellen umschaut.

Die entscheidende Frage ist ja, warum viele Wähler inzwischen die früher gepflegten Hemmungen bezüglich des Wählens einer eher an den politischen Rändern fischenden Partei weitgehend abgelegt haben. Im Osten der Republik etwas schneller und drastischer als im Westen, wo langfristige Parteibindungen – vulgo „Stammwähler“, ein Euphemismus für die Einstellung „mir doch egal, was die Partei macht, ich wähle die trotzdem immer weiter“ – noch stärker sind.

Es gibt viele Aspekte dieses Gemischs, das dafür sorgt, dass die AfD von Zugewinn zu Zugewinn eilt. Ich will noch von „Wahlsiegen“ sprechen, denn die AfD regiert ja nirgendwo mit, ein Sieg kann also schwerlich konstatiert werden. Ich will versuchen, ein paar dieser Aspekte aufzudröseln.

Aspekt Nummer 1 mit großem Abstand dürfte das Großthema Migration sein. Die veröffentlichte Meinung predigt ja die Vorzüge von Multikulti, konstatiert die Tatsache das „Einwanderungslands Deutschland“, propagiert die notwendige Lösung unseres demographischen Problems durch Massenzuwanderung und hält es für völlig unnötig, ausreisepflichtige Migranten oder Asylbewerber auch wirklich abzuschieben. Ich sage mal so: dass große Teile der arbeitenden und sich im Ruhestand befindlichen Bevölkerung – egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund – keine große Lust verspürt. Milliardenbeträge aus Steuermitteln und Sozialabgaben aufzuwenden, um den sowohl arbeitsmarkt- wie auch kulturinkompatiblen Migranten aus aller Welt durchzufüttern. Solange das eine kleine Zahl an Menschen ist, geht das im Rauschen unter, aber wir reden von inzwischen etwa 5 Millionen zusätzlichen Menschen. Die brauchen Wohnungen, Eingliederungs- und Integrationsmaßnahmen, medizinische Versorgung, Grundsicherung. Diese Bedürfnisse konkurrieren natürlich um knappe Steuermittel. Da die AfD die einzige Partei ist, die hier klare Lösungen anbietet, ist es kein Wunder, dass der normal denkende Bürger hier tatsächlich die ersehnte Politikalternative erkennt. Breite Teile der Linken, der Grünen, der SPD, der FDP und der CDU/CSU scheuen ja sogar vor Maßnahmen zurück, die in anderen europäischen Ländern normales Vorgehen sozialdemokratischer Regierungen ist – Dänemark wird da oft als Vorbild genannt. In Deutschland hingegen werden selbst Ausreisepflichtige weiterhin üppig versorgt, weil das Thema Abschiebung offenbar im Bermudadreieck zwischen Polizei, Justiz und Bürokratie eine unauflösbare Problematik entwickelt hat. Der einzige vorzeigbare Erfolg der „Altparteien“ ist, dass die aktuelle Regierung in Person des Innenministers es geschafft hat, die Zahl der illegalen Zuwanderer etwas einzudämmen.

Ein klassicher Aspekt populistischer Parteien in der Opposition ist das Aufsammeln von Protestwählern aller Art. Und da gibt es ja jede Menge Enttäuschte bei allen Altparteien abzuholen – bei der CDU diejenigen, die sich von Merz beispielsweise eine konservative Fiskalpolitik erhofft hatten und nun mit Rekordschulden und Steuererhöhungen konfrontiert sind. Und weil die AfD nun schon mehr als ein Jahrzehnt Protestwähler kumuliert, dürfte es sich hier um einen nicht zu verachtenden Anteil der Wählerschaft handeln. Die Wählerwanderungsanalysen der Demoskopen zeigen ja auch, dass die AfD recht gleichmäßig von anderen Parteien Wähler gewinnt.

Ein anderer Aspekt sind die ausufernden staatlichen Förderungen für „Gedöns aller Art“. Hierzulande wird ja eine unübersichtliche Zahl von NGOs staatlicherseits finanziert, so dass man sich fragt, warum diese Organisationen überhaupt noch „nichtstaatlich“ heißen. Nur die AfD fährt hier eine klare Kante: Ende des Geldstroms. Gleiches gilt für die als „Kulturförderung“ verbrämte Subvention von Dingen, die irgendjemand für Kunst hält. Gerne auch mal massiv antisemitisch, auf jeden Fall aber antikapitalistisch und stramm links. Manchmal auch nur Vergnüglichkeiten für die Oberschicht, von Staatsopern über defizitäre Museen ist da alles dabei.

Ein kleiner Teil der Wähler ist sicher auch aufgrund des russlandfreundlichen Kurses vor allem der Ost-AfD dort hingewandert. Einzelaspekte wie die Tatsache, dass männliche eigentlich wehrpflichtige Ukrainer hierzulande Schutz genießen und nicht unerhebliche Zuwendungen erhalten, während gleichzeitig erhebliche Summen in den Abwehrkampf der Ukraine fließen, ist sachlogisch schwer erklärbar. Dass die AfD im Osten der Republik immer noch von 40 Jahren Gehirnwäsche der unverbrüchlichen Freundschaft der DDR mit der Sowjetunion profitiert und die Russlandkarte deshalb gerne spielt, deckt zusätzliche Wählerschichten ab, die in anderen Parteien sich nur unzureichend (russophiler Flügel der SPD und Teile des BSW) vertreten fühlen.

Die ganze regelmäßig aufflammende Diskussion über ein AfD-Verbotsverfahren und die schlecht belegten Einlassungen der diversen Landesverfassungsschutzämtern zum Thema „gesichert rechtsextrem“ dürfte sich auch positiv auf den Wählerzuspruch auswirken. Nicht wenige werden sich fragen: warum quatschen die anderen Parteien nur drüber und machen es nicht einfach? Vielleicht, weil die Gründe einfach nicht handfest sind und in Wahrheit die AfD viel harmloser ist, als die Altparteien es darstellen wollen? Ist ein Verbotsverfahren nur ein bequemer Weg, die lästige politische Konkurrenz loszuwerden? Welche Chance hat ein AfD-Verbotsverfahren, wenn es sogar bei der NPD gescheitert ist? M.E. ist das Parteiverbotsverfahren – oder präziser: die ständige Diskussion darüber – ein Geschenk an die AfD, den Opfermythos zu stärken. Die „Brandmauer“, die selbst vor der Zuteilung von üblichen Posten gemäß des Parteienproporzes nicht Halt macht, tut sein übriges dazu und macht es der AfD sehr einfach, die Altparteien als eine Art Kartell darzustellen, die nichts so sehr fürchten wie den Machtverlust. Nicht ohne Berechtigung, will ich hinzufügen, was da teilweise abläuft ist mit „Kindergarten“ noch beschönigend beschrieben.

Auch der Anti-EU- und Anti-Euro-Kurs der AfD – das ist ja quasi in der Gründungs-DNA der AfD verankert, Ältere erinnern sich noch an die liberal-konservativen Anfangszeiten unter Bernd Lucke, als Teile der Medien nichtsdestotrotz die AfD bereits als rechtsextrem geframed haben – dürfte Wähler ansprechen. Alle anderen Parteien üben sich ja weithin in einer sehr unkritischen Haltung gegenüber der EU, egal ob es um die antidemokratischen Umtriebe der EU-Kommission geht, oder um die überbordende Bürokratie mit wirtschaftsfeindlicher Überregulierung oder um den ruinösen „Net Zero“-CO2-Reduktionsplan – es gibt viel kritikwürdiges an der EU, dazu kommt noch die EZB mit ihrer sehr laxen Haltung bezüglich der Inflation, dank deren Weichwährungspolitik der Euro gegenüber beispielsweise dem Schweizer Franken derart an Wert eingebüßt hat, dass die einstmaligen Versprechen deutscher Politiker, der Euro werde „so hart wie die D-Mark“, heute eher wie Hohn klingen. Dazu kommt, dass die EU bei zwei essentiellen Dingen komplett versagt hat: Kontrolle der illegalen Migration unter stetiger Verletzung diverser Abkommen (Stichwort „Dublin“), und natürlich die erbarmungswürdige Hilflosigkeit gegenüber knallhart ihre Interessen vertretenden anderen Handelsgroßmächten, namentlich der USA und China. Dazu die ganze Brexit-Geschichte, wo die EU-Haltung zum Nachteil beider Seiten führte. Und die dauerhafte Unfähigkeit, mit interessierten anderen Handelsblöcken simple Freihandelsabkommen abzuschließen. So ist die EU handelstechnisch inzwischen eine Art Welthandelsverhinderungs- und -verteuerungsorganisation, die es zur Meisterschaft bei nichttarifären Handelshemmnissen gebracht hat.

Nicht zu unterschätzen: die kritische Position der AfD zum Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk, von manchen Zeitgenossen so pointiert wie treffend „Zwangs-Pay-TV mit Indoktrinierungsauftrag“ genannt. Die Altparteien haben ja nun jahrzehntelang den ÖR unkontrolliert wuchern lassen, der Programmauftrag ist unterspezifisch, die Kontrolle quasi nichtexistent – es ist eine Art Selbstversorgungsbürokratie entstanden, die zu unglaublichen Kosten sehr überschaubare Inhalte produziert. Die ganz sicher dem wichtigsten gesetzlichen Auftrag, nämlich alle in der Bevölkerung ernstlich vertretenen Meinungen widerzuspiegeln, auf breiter Front versagt. Nur die AfD stellt sich erkennbar gegen die immer weiter wachsenden finanziellen Ansprüche und hat – m.E. völlig zu Recht – eine Kündigung des Staatsvertrags ins Spiel gebracht. Was auf Landesebene sogar möglich wäre.

Auch in der Bildungspolitik gibt es AfD-Positionen, die ganz sicher bei vielen Wahlberechtigten anschlussfähig sind. Nicht jeder empfindet wirtschaftsferne Studiengänge im Gender-Bereich oder schulische Kuschelpädagogik als zielführend. Etwas mehr schulischer Drill und Leistungsbezogenheit könnte sicher nicht schaden – Frontalunterricht statt Gruppenarbeit-mit-Toll-ein-anderer-machts-Ansatz dürfte Sympathisanten bis tief ins bürgerliche Lager haben.

Zuletzt will ich noch den Aspekt „Energiewende“ nennen. Gerade auf Landesebene gibt es derart viele Zwangsverordnungen und teure Förderprogramme mit zweifelhaftem Nutzen jenseits der Finanzierung linksgrüner Interessen, da dürfte so mancher Bürger sich wünschen, endlich mal an dieser Front in Ruhe gelassen zu werden. Und selbst entscheiden zu dürfen, wann es Zeit für eine Wärmepumpe, eine Photovoltaikanlage, eines Speicherakkus oder eines Elektroautos nebst Wallbox ist. Die AfD hat auch nahezu Alleinvertretungsanspruch bezüglich der Favorisierung der Kernenergie als sauberer und zuverlässiger Stromerzeugung. Und vielleicht gibt es auch Menschen, die es bevorzugen würden, wenn jeder selbst für sein Lastenrad aufkommen darf, und die eine teure Subvention wie das Deutschlandticket eher kritisch sehen. Wobei ich ehrlich gesagt die AfD-Position zum Deutschlandticket gar nicht kenne – Oppositionsparteien sind ja normalerweise sehr zurückhaltend bei Sparvorschlägen, die auch ihre eigene Klientel betreffen. In der Opposition wird ja noch lieber Geldausgeben geplant als in der Regierung, wo die Zwänge des real existierenden Etats oftmals das Wunschdenken etwas einbremst. Zumindest war das mal so, bevor das „Sondervermögen“ erfunden wurde.

Wenn man sich die einzelnen Aspekte anschaut, kommt man zum Schluss, dass die AfD quasi eine Art Monopolstellung hat, was bestimmte Positionen im Parteienspektrum angeht. Viele Wähler dürften die AfD also aus einer Art Notwehrhaltung wählen, weil sie sich von anderen Parteien in wichtigen Einzelfragen überhaupt nicht vertreten fühlen. Blog-Kollege Danisch würde sagen: die Wahl der AfD ist kein Rechtsruck, sondern eine Linksflucht. Ich stimme ihm da zu. Besonders die Merkel-CDU hatte zahlreiche grüne und sozialdemokratische Positionen übernommen, was zu einer natürliche Heimatlosigkeit der konservativen Wählerschaft führte – und die Merz-CDU hat noch nicht nachgewiesen, dass man über einen Kurswechsel überhaupt nachdenkt.

Was wird jetzt unterm Strich passieren? Ich glaube nicht, dass es für eine absolute Mehrheit der AfD reicht, da müssten schon viele Parteien unter der 5%-Hürde bleiben. Eine AfD-Minderheitsregierung, geduldet von Abgeordneten anderer Parteien, ist kaum vorstellbar. Dass es eine Allparteienkoalition gegen die AfD gibt, unter Führung der stärksten Partei CDU, kann ich mir auch kaum vorstellen – die CDU hat immerhin einen Unvereinbarkeitsbeschluss bezüglich der SED, wobei das tendenziell eher wackelig zu sehen ist – tendenziell wird der mediale Druck erheblich sein, denn die linkslastige Presse sieht die SED traditionell eher als etwas linkere Ausgabe der SPD anstatt einer Ansammlung von linksextremen Verfassungsfeinden zuzüglich ein paar Sozialisten mit Stasi-Phantasien nebst Verteidigern des DDR-Schießbefehls. Während die AfD natürlich als Reinkarnation mindestens der NSDAP geframed wird. Da wird man der CDU sicherlich nahelegen, zur Rettung der Demokratie ihrer staatstragenden Verantwortung gerecht zu werden.

Schade eigentlich. Letztlich wäre Sachsen-Anhalt im Lichte seiner relativen Unwichtigkeit eigentlich ein schönes Experimentierfeld für eine AfD-Regierung. Relevanten Schaden könnte sie realistisch betrachtet kaum anrichten, wie man auch an den diversen Regierungsbeteiligungen der SED (zumindest nach 1990…) in der Vergangenheit sehen konnte.

Abschließender Hinweis: dieser Artikel wurde in völliger Unkenntnis des derzeitigen Partei- und Wahlprogramms der AfD verfasst. Der Autor stellte lediglich in der Vergangenheit fest, dass liberal-konservative Positionen bei allen Wahl-O-Maten zu einer relativ hohen AfD-Zustimmung um die 70% führten.

Wenn Statistiker nicht zählen können

Ich bin seit langen Jahren Abonnent des Statista-„Daily Data“-Newsletters. Kommt per E-Mail, für Ältere wie mich also optimal geeignet.

Es ist ganz erstaunlich, wie oft es Statista gelingt, einen merkwürdigen politischen Spin in den eigentlich doch inhärent neutral vermuteten Zahlenwerken unterzubringen. Und so ist der Hauptgrund für mein Newsletter-Abo auch eher, dass ich immer interessiert bin an neuen und kreativen Wegen um Propaganda unters Volk zu streuen. Vielleicht sollte ich auch Beispiele sammeln, um Band 2 des legendären Werks von Walter Krämer „So lügt man mit Statistik“ zu schreiben.

Wie auch immer – heute will ich ein Beispiel bringen für einen ganz anders gelagerten Fall, der weniger nach politischer Agenda riecht als vielmehr nach schierer Unwissenheit gepaart mit Unfähigkeit zur Recherche.

Um was geht es: natürlich um die wichtigste Nebensache der Welt, um König Fußball. In der Einleitung wird geschrieben: „Die englische Premier League etwa erschließt im Ausland besonders hohe Einnahmen und vergrößert so ihren finanziellen Spielraum gegenüber den europäischen Konkurrenten. Hier hat die Bundesliga also Aufholbedarf. Dafür zieht sie besonders viele Menschen in die Stadien“. Und schon stutze ich ich frage mich: wann hat denn die Bundesliga den Zuschauerkrösus Premier League abgelöst? Spoiler-Alarm: gar nicht.

Unverdrossen behauptet Statista aber hier: „Die Bundesliga zieht im direkten Vergleich mit Europas fünf größten Fußballligen die meisten Menschen ins Stadion.“ Über der Infografik prangt „Bundesliga zieht die meisten Menschen ins Stadion“, was aber komplett irreführend ist. Denn: nur der Zuschauerschnitt pro Spiel ist bei der Bundesliga ganz leicht höher als bei der Premier League. In absoluten Zahlen liegt die Premier League aber sehr weit vorne, weil dort bekanntlich in einer Saison 380 Spiele stattfinden (20 Vereine, damit 38 Spieltage zu je 10 Begegnungen), während die Bundesliga nur 306 Spiele aufbietet (18 Vereine, damit 34 Spieltage zu je 9 Begegnungen). Nach den angeblich von „Transfermarkt“ stammenden Zahlen von Statista ergeben sich knapp 13 Mio Zuschauer für die Bundesliga, aber knapp 16 Mio Zuschauer für die Premier League.

Bonus zum Abschluss: laut anderer Quellen liegt die Premier League in der abgelaufenen Saison 2025/2026 sogar beim Zuschauerschnitt mit 41635 (entspricht der Statista-Zahl) ganz knapp VOR der Bundesliga mit 41562. Wie sich rausstellt: das sind die offiziellen Zahlen der DFL und damit doch ein Stück weit glaubwürdiger als das, was Statista da zusammengerührt hat.

Und damit das alles nicht nur Gemotze ist, noch folgendes: die Zweite Bundesliga wartet mit erstaunlichen knapp 30000 Zuschauer pro Spiel auf. Sehr beeindruckend, und wohl nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass inzwischen eine Menge „Traditionsklubs“ zweitklassig sind, aber immer noch erstklassige Stadionkapazitäten haben. Das ist nämlich ein entscheidender Faktor (nicht nur) bei der Premier League: die Stadionauslastung ist immens hoch, und es gibt da einige Vereine mit sehr kleinen Stadien. Und wenn jedes Spiel ausverkauft ist, kann man letztlich gar nicht sagen, welche Liga für Stadionzuschauer wirklich attraktiver ist. Aber bevor ich nun auch noch die Eintrittspreise und die Alternative „Pay-TV“ mit in Betracht ziehe, will ich es mal für heute gut sein lassen.

Drohnen-Gelaber

Die Bedrohung durch Drohnen ist seit etwa 2023, als sie massenhaft im Ukraine-Krieg Anwendung fanden und bis heute derart das Schlachtfeld beherrschen, dass eine Konzentration von gepanzerten Kräften und daraus resultierender Bewegungskrieg prohibitive Verluste zeitigt, spätestens aber seit dem Vorfall auf dem Leipziger Flughafen, in aller Munde. Die Älteren erinnern sich vielleicht auch noch an die Zeiten, als Drohnen für die Bundeswehr beschafft wurden, wo einzelne politische Parteien höchsten Wert darauf gelegt haben, dass diese unbewaffnet zu sein haben. Ja, da hat dann wahrlich eine Zeitenwende stattgefunden und neuer Realitätssinn wurde mittels der für jeden sichtbaren russischen Aggression in die weiche Birne eines manchen Politikers geprügelt.

Manch‘ Kommentator verstieg sich ja schon zur Aussage, dass im Prinzip alle gepanzerten Fahrzeuge ab sofort als Altmetall zu sehen und auf dem Schlachtfeld der Gegenwart und Zukunft wertlos seien. Ich halte diese Idee für ausgemachten Schwachsinn. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, was notwendig ist, um ein paar Panzer vor hunderten oder auch tausenden Drohen zu schützen: automatisierte Flugabwehr. In Fachkreisen allgemein unter dem Stichwort „autonome Waffenstation“ diskutiert, kann man festhalten, dass Drohnenabwehr nicht so besonders schwierig ist: kinetische Wirkmittel, automatische Zielverfolgung und -zuweisung, und schon ist der Drohnenabschuss sehr viel preiswerter als die Drohne. Im Moment ist das nicht der Fall und Drohnen müssen teilweise mit recht teuren Abfangmitteln zur Strecke gebracht werden – man kann beispielsweise im aktuellen Iran-Krieg sehr gut beobachten, was es ein hochgerüstetes Militär kostet, dass man auf die wachsende Drohnenbedrohung der letzten Jahre nicht adäquat vorbereitet war.

Bemerkenswert dumm auch die Entscheidung hierzulande, Drohnenabwehr z.B. im Einzugsgebiet von Flughäfen durch Sondereinsatzkräfte der Polizei erledigen zu lassen. Klar sollte doch sein: die Bundeswehr braucht sowieso Wirkmittel aller Art gegen Drohnen jeder Bauweise. Warum zum Geier soll man dieselbe Infrastruktur nun auch noch durch die Polizei vorhalten? Totaler Schwachsinn. Die Bundeswehr soll das erledigen, da kann sie gleich in Friedenszeiten am lebenden Objekt üben, damit wir im Ernstfall gerüstet sind. Und ja, das erfordert vermutlich eine Grundgesetzänderung, die den inzwischen aus meiner Sicht überkommenen Grundsatz, dass die Bundeswehr nicht im Innern (es sei denn, es tritt doch mal ein Notfall ein, wie man bei jeder kleineren Überschwemmung miterleben kann) eingesetzt werden darf. Wenn man schon das Bild des Staatsbürgers in Uniform bemüht, sollte es doch kein Problem sein, die nationale Flugabwehr auch bei Drohnen in die Hände der Bundeswehr zu legen.

Besonders dämlich sind übrigens die Stimmen, die nun erklären, dass die Bundeswehr die Beschaffung von Drohen jahrelang (bei noch größerer Dummheit des Kommentators: jahrzehntelang) verschlafen habe. Wie sich im Ukraine-Krieg eindrucksvoll zeigt, geht die Entwicklung im Bereich von Drohnen mit Riesenschritten voran. Drohnen von 2024 sind nur noch Altmetall, allein der Fortschritte bei der elektronischen Kriegsführung wegen. Der Ausweg aus dem Dilemma wäre relativ einfach: zusammen mit der Ukraine Drohnen-Entwicklung und -Fertigung aufziehen, da kann man jede neue Generation direkt im Fronteinsatz testen, und im Falle des Falles hat man das Know-How und die Fertigungskapazität schon im Lande.

Derart einfache und sinnvolle Lösungen werden wir hierzulande aber vermutlich nie umsetzen. Und so leben wir weiterhin in der Hoffnung, dass im Falle eines Falles der große Bruder uns beisteht, wenn der Aggressor zuschlägt.

Mehrwertsteuer-Getuschel

Eine neue (alte) Sau wird durchs Dorf getrieben: irgendwie an der Mehrwertsteuer schrauben (bevorzugt nach oben), um dann irgendwo anders entlasten zu können. Auch die selbsternannte Steuersenkungs- oder realitätsnaher nicht-so-viel-Steuererhöhungs-Partei CDU/CSU ist natürlich mittendrin, nachdem Finanzminister Lars Klingbeil eine ziemlich freche Gesetzesvorlage bezüglich der Anpassung der Einkommensteuer vorgelegt hat – entgegen dem Koalitionsvertrag findet nicht nur keine Entlastung statt, sondern es wird nicht mal die kalte Progression kompensiert. Auf Deutsch: die SPD will weiterhin weniger Netto vom Brutto für die arbeitende Bevölkerung. Jedenfalls sieht die Union offenbar in einer Erhöhung der Mehrwertsteuer die einzige Chance, eine nennenswerte Einkommensteuerreform in dieser Regierungskonstellation hinzukriegen – denn „Sparen“ scheint für diese Regierung (wie auch alle ihre Vorgängerregierungen mit ganz wenigen Ausnahmen) absolut unmöglich zu sein.

Der Ifo-Chef schlägt beispielsweise vor, den ermäßigten Satz abzuschaffen und den vollen Satz auf 17% zu reduzieren. Angeblich aufkommensneutral. Politiker schreien direkt „unsozial“, ohne die Argumentation nachzuvollziehen: der ermäßigte Satz ist überhaupt nicht zielgenau, weil er eine mehr oder weniger willkürliche Ausnahmeregelung ist, und auch Luxusartikel wie teure Restaurantbesuche oder Fleisch vom Kobe-Rind oder Schnittblumen oder Fernzüge oder ÖPNV (nicht jedoch Bergbahnen – wichtiger sozialer Korrekturfaktor!) darunter fallen. Den sozialen Ausgleich könnte man anderweitig treffgenauer organisieren (Erhöhung Sozialleistungen). Alternativvorschlag: alles auf 19%, und die Mehreinnahmen zur Schuldentilgung verwenden.

Prinzipiell sind das gute Vorschläge, wie insgesamt die Verlagerung der Steuerlast von direkten auf indirekte Steuern keine prinzipiell schlechte Idee ist – Leistung lohnt sich mehr, Konsum wird teurer. Nur: die Idee, dass Politiker jemals Mehreinnahmen dauerhaft für etwas Sinnvolles wie Schuldentilgung ausgeben würden, ist natürlich komplett naiv. Ein Publizist entblödete sich nicht, die Mehrwertsteuererhöhung unter Angela Merkel 2007 (legendär damals der SPD-Wahlkampf „nein zu 2% Merkelsteuer“, um dann in der Regierung der Erhöhung um 3 Prozentpunkte zuzustimmen – ich glaube, es war in diesem Zusammenhang, als Franz Müntefering mindestens einen seiner zwei legendären Aussprüche tätigte (ich paraphrasiere, wörtliche Zitate habe ich nicht gefunden): „Der Staat ist chronisch unterfinanziert“ und „Es ist unfair, die Regierung an ihren Wahlversprechen zu messen“) als leuchtendes Beispiel zu nennen, weil ja damals „die Haushalte (Bund und Länder) saniert und die Lohnnebenkosten gesenkt“ wurden. Heute, knapp 20 Jahre später, ertrinken Bund und Länder im Schuldenstrudel, und die Lohnnebenkosten erreichen Rekordhöhen.

Deshalb halte ich es nach wie vor mit dem Konzept von Ronald Reagan: „starving the beast“. Man muss dem Staat die Einnahmen entziehen, nur dann besteht die Chance, dass etwas mehr Sparsamkeit einkehrt. In Deutschland ist die letzten Jahrzehnte ja hauptsächlich der Öffentliche Dienst gewachsen, während die produktiven Gewerbe eher rückgängig waren. Rekordsteuereinnahmen führen eben geradezu zwangsläufig zu Rekordstaatsausgaben und Rekordstaatsaufgaben und Rekordbürokratie. Eine Verwaltung wird sich niemals aus sich heraus reduzieren.

Also: Mehrwertsteuersatz runter. Ermäßigter Satz auf Nahrungsmittel und Mineralwasser auf 0%, voller Satz für alles Restliche (inklusive den derzeitigen merkwürdigen 0%-Ausnahmen wie Heilbehandlungen, gemeinnützige Tätigkeiten, Photovoltaikanlagen und dergleichen mehr), Senkung des vollen Satzes auf 14% – so wie damals, in den 80ern, als die Welt (und vor allem Deutschland) noch in Ordnung war.

Nun bin ich aber Realist und prognostiziere deshalb folgendes: Erhöhung des vollen Satzes auf 22%, im Gegenzug minimale Senkung der Einkommensteuer, Quersubvention der Rentenversicherung (siehe auch Schröder’sche Ökosteuer – „Rasen für die Rente“), Haushaltslöcher stopfen. Spätestens gegen 2035 wird dann über eine erneute Erhöhung diskutiert werden, weil schon wieder das Geld ausgegangen ist. So wie immer eben, weil: „Der Staat ist chronisch unterfinanziert“. Es befällt einen bei nüchterner Betrachtung der Lage direkt dieses wohlige Titanic-Gefühl.

Ein schlechtes Klimaschutzgeschäft

Eine kleine Meldung am Rande erregte meine Aufmerksamkeit. Es gab eine „Evaluation Deutschlandticket“, in der mehrere Forschungsinstitute untersuchten, inwiefern der Klimaschutz vom Deutschlandticket profitierte. Man erinnert sich, dass in mancher Diskussion der Klimaschutzbeitrag dieser absurden Subventionsmaßnahme in den Vordergrund gestellt wurde.

Zunächst muss man lobend erwähnen, dass es eine solche Evaluation überhaupt gibt. Die meisten politischen Maßnahmen werden ja entweder viel zu spät oder gar nicht auf Wirksamkeit oder gar im besten Falle auf Kosten/Nutzen-Verhältnis geprüft.

Jedenfalls war das ergebnis für 2024: das Deutschlandticket führte in 2024 zu CO2-Einsparungen von rund 2,5 Millionen Tonnen im Verkehrssektor. Rechnen wir kurz nach: 2024 lag der CO2-Emissionspreis bei 45€/Tonne. Die eingesparten 2,5 Mio Tonnen hatten also einen Wert von 112,5 Mio Euro. Allerdings betrugen die Kosten in 2024, die Bund und Länder am Deutschlandticket trugen (und in den nächsten paar Jahren jeweils tragen werden), je 1,5 Mrd Euro.

Mit anderen Worten: man hat mit schmalen 3000 Mio Euro den Ausstoß von CO2 im Wert von knapp 113 Mio Euro verhindert.

Ja, das dürfte ungefähr im Mittelfeld der Effizienz staatlicher Klimaschutzmaßnahmen liegen.

Deutschlandticket: kann weg.

Die fehlgeleitete Kritik an Merz

Unser aller Bundeskanzler Friedrich Merz ist auf dem Gipfel seiner persönlichen Unbeliebtheit angekommen. Allerdings: jede Woche wird dieser Gipfel nochmal etwas höher, zumindest wenn man den Umfragen glauben mag.

Das führt zum unvermeidlichen Rauschen im Blätterwald. Merz wird allerorten kritisiert, sein erstes Jahr als Regierungschef wird mit der eher als Fehlschlag betrachteten Kanzlerschaft von Ludwig Erhard verglichen, die schlechte wirtschaftliche Lage Deutschlands wird ihm angelastet, und die zur Schau gestellte Reformunfähigkeit der Regierungskoalition ebenfalls.

So enttäuscht ich persönlich vom Ausbleiben beinahe jeglicher sinnvoller Reformen bin, so realistisch bleibe ich bei der Einordnung: denn letztlich führt die Totalblockade der SPD, die sich sogar an die Minimalkompromisse des Koalitionsvertrags nicht mehr erinnern will, zu dieser unerfreulichen Situation. Man muss nur mal 5 Minuten Bärbel Bas oder Lars Klingbeil zuhören um zu verstehen, dass mit dieser SPD es schlicht unmöglich sein wird, wirksame Reformen zugunsten des Wirtschaftsstandorts Deutschland durchzuführen.

Aber die Hoffnung stirbt noch nicht: ich erinnere an die erste Zeit von Rot-Grün unter Gerhard Schröder. Der Start war katastrophal, Oskar Lafontaine als Finanzminister wollte mehr Sozialismus wagen und blockierte jede sinnvolle Reform, und es brauchte einen besonderen Kraftakt, um damals die Harz-Reformen durchzuführen – Reformen, die die Basis dafür waren, dass Deutschland vom Wachstumsschlusslicht in Europa mit massivem Arbeitslosenproblem zu einem jahrelang dauernden Aufschwung (nicht unbedingt beim Wirtschaftswachstum, aber bei den Steuereinnahmen und bei der Beschäftigung, insbesondere auch der Vollzeitbeschäftigung) gelangte. Auch Franz Müntefering sei lobend erwähnt, der neben all seinen gravierenden Fehleinschätzungen dabei mithalf, die „Rente mit 67“ durchzusetzen – zusammen mit dem Nachhaltigkeitsfaktor die einzigen wirksamen Reformen unseres taumelnden Rentenversicherungssystems. Gegenüber den Jahrhundertfehlern, die in der Zeit ab 2011 von den Regierungen unter Merkel und Scholz gemacht wurden, kann man das mit Fug und Recht „die gute alte pragmatische Zeit“ nennen. Die Regierungsjahre ab 2011 haben dann erfolgreich von der Substanz dieser Reformjahre gelebt.

Die SPD hat in der Vergangenheit also durchaus bewiesen, dass sie reformwillig und -fähig sein kann. Wird ein solcher Kraftakt auch in naher Zukunft möglich sein? Ich bin skeptisch bis pessimistisch, sehe ich doch in der ganzen SPD nicht eine einzige Person, die bereit wäre, vom derzeit üblichen gewerkschaftsnahen Vulgärsozialismus („tax the rich“) abzurücken. Ich weiß ja nicht was die SPD-Wahlkampfstrategen so beruflich machen, aber auf was führen die eigentlich den steten Niedergang des Zuspruchs der einstigen Kernwählerschaft zurück? Mir scheint, die Analyse der SPD lautet immer noch „die Harz-Reformen waren ein Fehler“ – komisch, dass ausgerechnet diese nachweislich hervorragend funktionierenden Reformen nicht dem üblichen „wir haben es nicht gut genug geschafft, das dem Wähler zu vermitteln“-Muster unterworfen wird. In weiten Teilen der linken Wählerschaft gilt Hartz IV wegen seiner Forder-Komponente („Fordern und Fördern“) nach wie vor als Beispiel für „sozialen Kahlschlag“, weil man Arbeitsunwilligen minimalen Druck auferlegt hat und so erfolgreich zur Arbeit motivieren konnte. Arbeiten – das geht bei der heutigen Klientel der einstigen Arbeiterpartei natürlich gar nicht mehr.

Kritik an Merz und seinem Gebaren insgesamt ist natürlich trotzdem angebracht. Seine Kommunikation ist wirr, seine Parteifreunde lancieren gerne mal ihre eigenen Ideen ohne Absprache, und insbesondere ist Merz nicht in der Lage, sinnvolle Kompromisse mit dem Koalitionspartner einzugehen und zu kommunizieren – dem potenziellen Wähler bleibt allzu häufig unklar, was am Regierungsbeschluss nun der CDU zu verdanken ist und was der SPD. Und was der CSU – die führt unter Markus Söder auch schon wieder ein sehr merkwürdiges Eigenleben. Und bei vielen Entscheidungen bisher wäre es besser gewesen, gar nichts zu entscheiden statt regelmäßig das Falsche. Aber Merz neigt eben leider auch zum Aktionismus, um entschlossenes Handeln mindestens zu simulieren. Und seine Wehleidigkeit („Kein Kanzler vor mir musste ertragen was ich ertrage“) ist auch eher Ärgernis als mitleiderregend.

Man muss aber auch konstatieren: die durch weite Teile der Öffentlichkeit quasi erzwungene Brandmauer hat Merz in eine denkbar ungünstige Verhandlungsposition gebracht, egal ob zu Anfang bei den Koalitionsverhandlungen oder jetzt beim Regieren. Machtstrategisch ist bei derzeitigen Wahlergebnissen die Brandmauer eine einzige Katastrophe für genau eine Seite: die Union. Merkel hatte es da deutlich einfacher, schlicht weil sie – zumindest ab etwa 2011 – keine einzige echte CDU-Position jemals formuliert hätte, und gleich von sich aus lupenreine linksgrüne Politik gemacht hat. Deshalb war sie ja auch bei den Medien so beliebt. Immerhin ist die derzeitige CDU/CSU wieder in der Lage – mindestens in Person von Reiche und Dobrindt – Positionen aus der Mitte der Gesellschaft zu formulieren, die zumindest in der Nähe einstmaliger konservativer Unionspositionen sind. Nur mit dem Durchsetzen hapert es halt, selbst bei so Trivialitäten wie der Minimalreform des Arbeitszeitgesetzes, klar im Koalitionsvertrag vereinbart, und dennoch aktuell von der SPD vehement bekämpft.

Aber trotzdem empfinde ich die jetzige Regierung immerhin als leichten Fortschritt gegenüber Merkel III (ab 2013), Merkel IV (ab 2017) und Scholz (ab 2021). Denn es gibt sie eben, die halbwegs kompetent sprechenden Regierungsmitglieder – Merz, Pistorius, Reiche, Dobrindt. Gegenüber Gestalten wie Merkel, Scholz, Steinmeier, Gabriel (immerhin hat der nach Ausscheiden aus der Regierung wieder Reste des gesunden Menschenverstandes in sich entdeckt), Altmaier, von der Leyen, Baerbock, Habeck, Maas, Zypries, Nahles, Barley, Schwesig, Lambrecht, Heil, Schulze, Kramp-Karrenbauer, Faeser, Wissing, Spiegel, Paus, Lauterbach, Spahn…man erinnert sich ja gar nicht mehr im Detail an den Dauerhorror, den diese Politiker Tag für Tag verbreiteten und konsequent den Abstieg Deutschlands wahlweise einleiteten oder beschleunigten. Die derzeitige Krise ist das Werk von Vielen. Wer sich wundert, warum viele Wähler inzwischen nicht einmal mehr davor zurückschrecken, bei der AfD ihr Kreuzchen zu machen, sollte dringend die letzten 15 Regierungsjahre noch mal unter die Lupe nehmen.

Meine Energiewende

Es hat noch keiner gefragt, aber ich will hier mal in aller Kürze meine persönliche Energiewende skizzieren.

Die Bereitstellung der Energie geschieht durch Kernspaltung. Große Druck- und Siedewasserreaktoren an den existierenden Standorten (netztechnisch optimale und vor allem schon existierende Anbindung, d.h. sofortiger Stopp der billionenteuren Stromnetzausbaupläne zur Unterstützung des Zappelstroms aus Sonne und Wind) für die Grund- und Mittellast im Stromnetz. Gasturbinen und Akkuspeicher und Pumpspeicher für das Abfedern von Spitzen und für das Ermöglichen eines Dauerbetriebs der großen Reaktoren. Produktion von Gas, Öl und Wasserstoff durch Hochtemperaturreaktoren. Fernwärmeversorgung per Kleinreaktoren für die Ballungsräume durch effiziente Kraft-Wärme-Kopplung, das „flache Land“ über synthetisch erzeugtes Öl, Wärmepumpen und elektrische Nachtspeicheröfen. Prozesswärme für die Industrie direkt durch Hochtemperaturreaktoren oder indirekt über synthetisch erzeugtes Öl, Gas oder Wasserstoff.

Versorgungssicherheit durch heimischen Uranbergbau und Uranextraktion aus Meerwasser nebst Wiederaufarbeitung sowie Verarbeitung des existierenden nuklearen Abfalls durch schnelle Brutreaktoren. Wobei Mehrzahl hier wahrscheinlich falsch ist – einer dürfte reichen.

Was kostet das? Auf jeden Fall weniger als eine Energiewende nach deutschem Muster. Kostenloses Abfallprodukt: absolute Importunabhängigkeit. Weder Russland noch dem Nahen Osten noch den USA Geld für Öl und Gas in den Rachen werfen – klingt gut, oder? Und problemlos kombinierbar mit den bereits bestehenden EE-Anlagen, die dann ab sofort gerne zu Marktpreisen konkurrieren dürfen. Und alle Einzelkomponenten dieses kerntechnisch basierten Gesamtsystems sind exportierbar in alle Welt.

Ist das in Deutschland denkbar? Natürlich nicht. Dieses Land ist voller Atomphobiker mit erheblicher medialer Meinungsverstärkung. Weite Teile der Bevölkerung sind Physik-Noobs und rettungslos indoktriniert. Kleine Schritte in die skizzierte Richtung sind natürlich trotzdem denkbar, nuklear erzeugter Strom und zukünftig synthetisch erzeugtes Öl oder Gas oder Wasserstoff, von unseren EU-Nachbarn bereitgestellt, wird den Weg nach Deutschland finden.

Die steuerfreie 1000-Euro-Prämie

Wie ich der Presse entnehme, ist heute die von der Regierung beschlossene und vom Bundestag abgenickte steuerfreie 1000€-Prämie für Arbeitnehmer für den Fall, dass der Arbeitgeber diese locker machen kann und/oder will, im Bundesrat (vorerst?) gescheitert. Das wird den Lars aber hart treffen.

Steuersystematisch und im Kontext der Zielrichtung „Entlastung der Bevölkerung wegen der hohen Spritpreise“ ist das erst mal eine gute Nachricht. Selten war ein Bundestagsbeschluss zielungenauer, gießkannenartiger, mehr Geschäft auf Kosten Dritter. Ich hatte schon früher geschrieben: wenn man tatsächlich – im Gegensatz zu den letzten 35 Jahren gelebter Mineralölsteuerpolitik – der Meinung ist, dass Spritpreise zu hoch sind, macht man die entweder besser absetzbar über die Steuererklärung (zielgenau bezüglich nicht vermeidbarer – sprich beruflich veranlasster – Fahrten) oder man senkt generell die Mineralölsteuer (wie geschehen) mit allen dadurch einhergehenden Risiken wie Verwässerung des Knappheitssignals der Preise und potenziell nicht vollständig an die Kunden weitergegebenen Kostenvorteile der Mineralölkonzerne.

Teilweise wurde in den Medien aber auch eine ganze Menge Unsinn erzählt. Als ob die Tatsache, dass Bund, Länder und Gemeinden ihren (sehr zahlreichen) Angestellten diesen Bonus nicht auszahlen wollten (nicht etwa: konnten, aber dazu hätte man ja Aufwand treiben müssen, um woanders Kosten zu senken), irgendeine Relevanz hätte – dass der Staat außerhalb der Beamtenschaft nicht besonders gut als Arbeitgeber abschneidet, ist nun wirklich keine Neuigkeit. Genausowenig, dass im Bundestag ständig Gesetze beschlossen werden zu Lasten Dritter. Ich nenne mal den ganzen Komplex „versicherungsfremde Leistungen der Rentenversicherung“ – ich erzähle hoffentlich niemandem etwas neues, dass der „Bundeszuschuss“ diese Leistungen keineswegs ausgleicht, und das schon seit vielen Dekaden. Oder die Entscheidung des Bundes, bei der großen Flüchtlingskrise die Grenzkontrollen einfach einzustellen und damit eine Kostenlawine vor allem für die Kommunen in Gang setzte. Oder die jüngste Entscheidung, dass der Bund nicht die notwendigen Aufstockungen der Beiträge zur GKV von Bürgergeldempfängern übernehmen mag, sondern weiterhin die GKV-Versicherten diese Sozialleistung finanzieren dürfen. Und so weiter, und so fort.

Es wäre so schön, wenn die Politik einfach mal entlang der goldenen Regel „wer bestellt, zahlt“ entscheiden würde. Exemplarisch nenne ich mal den neuesten Entwurf des „Heizungsgesetzes“ – ein Wirrwarr an Zahlungen, Verpflichtungen, Vorschriften, fast so um sicherzustellen, dass alle ausreichend verwirrt sind, um nicht gegen diesen überkomplexen Schwachsinn zu Felde zu ziehen. Die Politik hat das Prinzip „linke Tasche, rechte Tasche“ wirklich perfektioniert – einer der Gründe, warum wir hierzulande praktisch reformunfähig sind, weil jede Reform irgendjemand irgendwas wegnimmt, und diese Gruppe dann lautstark protestiert. Und das ganze System wird „geschmiert“ durch eine Legion von Bürokraten, deren Zahl immer weiter wächst.

Wie lange wird dieser Weg in den Sozialismus, diese Aufhäufung alles erstickender Bürokratie hierzulande noch weiter gehen, bevor wir einen Reformer vom Kaliber eines Javier Milei wählen können? Ich hoffe, das passiert, bevor wir hier argentinische Zustände haben.

Gerade habe ich die KI gefragt, was es für Steuerausfälle produzieren würde, wenn man kurzerhand den Grundfreibetrag der Einkommensteuer um 1000€ anhebt. Ergebnis: 12,5 Milliarden Euro. Finde ich jetzt nicht so furchtbar viel gegenüber den vielen Milliardenbeträgen, die ständig für absolut unsinnige Dinge ausgegeben werden.

Amazons nächster logischer Schritt

Amazon hat angekündigt, zukünftig seine komplette Transportlogistikkette inklusive Auslieferung an Endkunden für alle Interessenten zu öffnen. Auf Deutsch: ein neuer global aufgestellter Konkurrent für UPS, FedEx, DHL und Konsorten. Deren Börsenkurse auch entsprechend einen eher schwierigen Tag hatten.

Ich finde es interessant, wie Amazon quasi Schritt für Schritt immer dasselbe Muster durchzieht: Infrastruktur für den Eigengebrauch aufbauen, optimieren, und schließlich „für alle“ bereitstellen, neudeutsch: „skalieren“. Der Amazon Marketplace – die Öffnung der Amazon Online-Verkaufsplattform für Drittanbieter – war der erste dieser Schritte. Danach dann (Aufzählung möglicherweise unvollständig) die „Elastic Cloud“, „Amazon Pay“, „Login über Amazon“, „Versand über Amazon“ – also die Nutzung von Amazon-Lagerkapazität mit Shipment-Fulfilment – und jetzt der nächste logi(sti)sche Schritt.

Ich sag’s mal so: die Konkurrenz ist zurecht beunruhigt. Aber ich irgendwie auch: denn für den Endkunden ist der Amazon-Lieferservice mit seinen typischen Spätabends-und-dauert-gerne-mal-ein-paar-Tage-länger-Performance jetzt nicht steter Quell uneingeschränkter Freude. Aber da sich die Konkurrenz in eine ähnlich unerfreuliche Richtung entwickelt hat, spielt es letztlich wohl keine entscheidende Rolle. Während früher die Deutsche Post von A nach B normalerweise in 1-2 Tagen Pakete zuverlässig befördern konnte, ist das heute eher die Ausnahme. Inklusive der negativen Begleiterscheinungen wie „nicht geklingelt, direkt in der Filiale geparkt“ oder „einfach mal vor der Tür abgelegt ohne Benachrichtigung“.