Die SPD erklärt sich für weiterhin unwählbar

Parteitage der SPD sind eine interessante Angelegenheit. Man kann oft tief in die Seele der Partei schauen, man kann anhand der Reaktion der Delegierten und anhand der Reden der Vortragenden sehr gut erkennen, wie die Partei abseits der Sonntagsreden und abseits der Koalitionsdisziplin wirklich tickt.

Andrea Nahles wurde nun also zur Großen Vorsitzenden gewählt. Und hat die “gläserne Decke” als “durchbrochen” gefeiert. Damit will sie wohl nahelegen, dass aus irgendeinem Grund bisher die SPD, so sie denn die Wahl hatte, stets männliche statt weibliche Bewerber bevorzugt hat. Ich kann mich täuschen, aber ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass die qualifizierten Frauen für den SPD-Vorsitz Schlange standen. Vermutlich hauptsächlich deshalb, weil ich in den Reihen der SPD bisher keine Frau erkennen konnte, die auch nur entfernt für eine solche Führungsposition qualifiziert wäre. Es ist schon niederschmetternd, dass es nicht mal eine Frau gab, die als besser geeignet als Rudolf Scharping erschien.

Auch bei Frau Nahles scheint die Hauptqualifikation “Frau” zu sein – wobei, man sagt ihr auch nach, dass sie sehr gut im “Netzwerken” sei. Also in der Lage ist, die berühmten politischen Seilschaften aufzubauen. Oder anders ausgedrückt: einem wohlgesonnene Menschen mit Pöstchen und anderen Zuwendungen zu versorgen, so dass sie einem später, wenn es drauf ankommt, verpflichtet sind. Oder um es deutlich zu sagen: dass es, wenn es drauf ankommt, auf keinen Fall in erster Linie auf die fachliche Kompetenz ankommt.

Nun ja. Frau Nahles hat ja auch den berühmten Rechenfehler bei der “Rente mit 63” – einem der teuersten Wahlgeschenke der letzten Jahrzehnte – zu verantworten. Die hochqualifizierten Mitarbeiter ihres Ministeriums hatten mit ganz spitzem Griffel ganz genau kalkuliert, was diese “Rente mit 63” für Mehrkosten verursachen wird. Dabei aber leider übersehen, dass früherer Renteneintritt nicht nur eine längere Rentenbezugsdauer nach sich zieht, sondern auch eine kürzere Einzahlphase, und so lag man um rund Faktor 2 daneben. Kann ja mal vorkommen. “Beherrschung der Grundrechenarten” war dann wohl nicht Teil des Anforderungsprofils für Frau Nahles und ihre Mitarbeiter.

Andrea Nahles hatte beim Kampf um den Parteivorsitz ja überragend starke Konkurrenz. Simone Lange trat an. Wie man hörte, hat das der SPD einiges an Kopfzerbrechen bereitet, weil es in der Geschichte der Wahlen zum Parteivorsitzenden praktisch nie Gegenkandidaten gab, und so musste man von der Redezeit bis zur Reihenfolge der Redner alles mögliche ganz neu durchdenken. Ist aber offenbar durch Einsatz hochqualifizierten Personals gelungen.

Jedenfalls ist Frau Lange Oberbürgermeisterin von Flensburg – wer es nicht kennt, der nördlichsten Stadt Deutschlands mit knapp 100.000 Einwohnern. Also: top-qualifiziert, um eine Partei zu leiten, die demnächst vermutlich nur noch ähnlich viele Wähler für sich begeistern kann. Und welcher Teil ihrer Bewerbungsrede haben die Delegierten am meisten beklatscht? Nach den Berichten, die ich gelesen habe: “Die schwarze Null darf niemals Kern sozialdemokratischer Politik sein.” Weiterhin war zu hören, dass Frau Lange auch mit der Hartz IV-Gesetzgebung hadert, allerdings waren die vorgebrachten Gründe kaum stichhaltiger als “ich will mehr Geld für alle, wer es bezahlt ist mir egal, andere Auswirkungen interessieren mich nicht”. Naja, Sozis halt. Ironie der Geschichte, dass beide großen Errungenschaften der deutschen Sozialdemokratie – die Reform der Sozialgesetzebung sowie die Rente mit 67 – innerhalb der Partei nicht mit Stolz auf das Erreichte gewürdigt, sondern stets im schlechtesten Licht dargestellt werden.

Seit Franz Münteferings Ausspruch vom “strukturell unterfinanzierten Staat” sollte auch dem letzten ehrlichen Steuerzahler klar sein: die SPD will nur sein bestes. Sein Geld nämlich. Und sie will es mit vollen Händen ausgeben. Den Sozialismus in seinem Lauf…dummerweise ist die Zahl der Abgeordneten im Bundestag, die noch glaubt, dass der Steuerzahler mit seinem Geld Besseres anzufangen weiß als es der Staat je könnte, sehr übersichtlich geworden. Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass der Staat ausgehend von einer ihm zustehenden Steuer- und Abgabenquote von 100% gnädigerweise ein paar Euro dem Steuerzahler zugesteht.

Immerhin war Frau Lange sympathischerweise in der Lage, sich kurz zu fassen. Von der ihr zustehenden Redezeit von 30 Minuten nutzte sie nur etwa die Hälfte. Ob jetzt gerade bei einer Bewerbungsrede für den Parteivorsitz solche Bescheidenheit angebracht ist, man weiß es nicht. Viele Kubaner wären Fidel Castro sehr dankbar gewesen für solche Bescheidenheit.

Frau Barley hat eine Idee

Heiko Maas war bis dato der größte Reinfall auf dem Posten des Justizministers, Gott sei Dank ist er nun Außenminister, da kann er deutlich weniger Schaden anrichten, weil die Welt sich maximal für deutsches Geld interessiert, aber sicher nicht für darüber hinausgehende Außenpolitik. Um es plakativ zu formulieren: die Welt zittert nicht gerade ob der Mittel zur Durchsetzung deutscher Ideen.

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, unter Maas’ Ägide entstanden und von diesem stets vehement verteidigt, halte ich für den jüngsten und bis dato größten Sündenfall des Deutschen Staates wider der Meinungsfreiheit seiner Bürger und deren Chance, diese auch tatsächlich öffentlich äußern zu können. Eine besonders perfide Regulierung, nicht “nur” klassische Nanny-Staat-Anwandlungen und der Versuch der Steuerung der armen unmündigen Schäfchen, in Sonntagsreden gerne “mündige Bürger” genannt. Nein, man führt Zensur durch die Hintertür ein, weit über bisherige gesetzliche Regelungen wie Volksverhetzung und Beleidigung hinaus. Dazu beauftragt man auch noch dubiose Vereine wie die Amadeu-Antonio-Stiftung mit der Überwachung der Medien bezüglich unscharf definierter Begriffe wie “Hassrede” und gestaltet das Gesetz so aus, dass der private Anbieter der Kommunikationsplattform, über die fragliche Inhalte verbreitet werden, de fakto gar keine andere Chance hat als im vorauseilenden Gehorsam, ohne Chance auf Rechtsmittel oder wenigstens Überprüfung des Sachverhalts durch rechtsstaatliche Stellen, die Zensur zu vollziehen. Und der so Zensierte hat ebenfalls keine Chance auf Rechtsmittel, weil er ja nie Rechtsanspruch auf die Veröffentlichung hatte. Ist ja alles privatwirtschaftlich. Also keine staatliche Zensur. Aber de fakto genauso wirksam wie staatliche Zensur. Wie gesagt, perfide.

Aber das NetzDG soll hier nicht das Thema sein, dazu haben andere schon ausführlich Stellung genommen. Es soll um die phantastische, innovative, ja ich will sagen brilliante Idee der Frau Barley gehen, jüngst laut Tagesspiegel auf einer Diskussionsveranstaltung der “Deutschen Public Relations Gesellschaft” (was es nicht alles gibt…) und des Tagesspiegels.

Frau Barley schlägt vor (oder denkt laut darüber nach), ein Gesetz zu erlassen, um Anbieter wie Facebook und Google zu zwingen, ihre Algorithmen zur Gewichtung von Dingen, die dem Nutzer vorzugsweise als weiterführende Links nahegelegt werden, dahingehend anzupassen, dass diese Dinge “pluralistischer” werden. Um Filterblasen aufzubrechen, um die Nutzer breiter zu informieren. Um Barley zu zitieren: “Eine Verpflichtung, dass Algorithmen pluralistischer ausgestaltet werden, halte ich für machbar und nicht schwierig”.

Oh ja, machbar und nicht schwierig. Wenn das die einzigen Kriterien heutzutage sind, um über Freiheitseinschränkungen, Regulierungen und staatliche Eingriffe zu entscheiden, dann gute Nacht. Weiter aus dem Tagesspiegel: “Als Beispiel nannte sie Berichte über Flüchtlinge oder Themen aus der Geschlechterdiskussion. Vorstellbar sei hier ein „Pluralismusgebot“. Als Vorbild nannte Barley die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die zur Einrichtung von Fernsehräten geführt habe.” Gerade den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Hort des Pluralismus zu benennen zeugt seinerseits von einer Filterblase ungeahnten Ausmaßes, in der sich die Politik befindet. Und will man wirklich in einem Gesetz Themen nennen, wo dieses “Pluralismusgebot” gelten soll, oder sollte es universell sein? Persönlich vermisse ich zum Beispiel dringend Pluralismus (oder noch besser: einfach Wahrheit und Fakten) bei den Themen Klimawandel, Umweltschutz und Dieselabgase. Und Meinungsfreiheit.

Ich hätte da noch einen Gegenvorschlag. Politiker könnten z.B. mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Filterblase verlassen. Ein Spaziergang in einer der No-Go-Areas einer beliebigen deutschen Großstadt ohne Sicherheitsbeamte wäre eine gute Maßnahme, da lernt man viel. Einfach mal mit dem Drogendealer oder Zuhälter von nebenan über dessen Probleme reden.

Und für noch mehr Pluralismus würde ich vorschlagen, dass der Staat endlich mal wieder im Medienbereich aktiv wird. Also über die Pressebeteiligungen der SPD hinaus. Und über den ÖR-Rundfunk hinaus. Wie wäre es mit einer wirklich pluralistischen Zeitung? Ich könnte mir als angemessenen Namen “Neues Deutschland” vorstellen. Frau Barley, übernehmen sie!

Eine revolutionäre Idee zur Grundsteuer

Das Bundesverfassungsgericht hat endlich mal wieder eine vernünftige Entscheidung getroffen. Die Grundsteuer ist in der derzeitigen Ausprägung verfassungswidrig. Wer hätte das gedacht. Sogleich sinnieren diverse Politiker über die neue Ausgestaltung, flicken an Symptomen, arbeiten am beliebten Ziel der Einzelfallgerechtigkeit und jammern über die hohen Mieten (in denen ja unter anderem die Grundsteuer steckt), an denen natürlich niemals die Politik schuld ist, sondern nur die gierigen Vermieter.

Ich habe da einen einfachen, revolutionären Vorschlag: einfach abschaffen. Würde zwar den Neidkomplex des Aufrechten Deutschen bezüglich der “Reichen”, die bekanntlich immer die anderen sind, dramatisch schüren. Aber das kann man aushalten. Gewisse Kreise werden den Reichen auch dann den Reichtum neiden, wenn per Vermögensteuer, Luxussteuer, Reichensteuer, Erbschaftsteuer oder was auch immer in den Gehirnen der passionierten Umverteiler herumspukt diese weitestgehend enteignet werden.

Das Aufkommen der Grundsteuer von rund 10 Mrd. Euro ist eh so niedrig, dass es sich nicht lohnt, regelmäßig den Aufwand zu investieren um die Bemessungsgrundlage geradezuziehen. Wer will schon alle paar Jahre in ganz Deutschland den “Wert” von Immobilien schätzen? Klar, da könnte man ein paar unproduktive Arbeitsplätze mehr schaffen, das scheint ja die Berufung allzu vieler Politiker zu sein – das Ergebnis, wenn man mit diesem Ansinnen allzu erfolgreich ist, kann unter anderem in Griechenland begutachtet werden.

Wenn man schon dabei ist: die Erbschaftsteuer leidet auch unter “viel Aufwand, ungerecht, merkwürdige Ausnahmeregelungen, Bemessungsgrundlage unklar, kaum Aufkommen”. Gleich mit abschaffen.