Die unerklärliche Beliebtheit der Eurobond-Idee

Herr Fricke hat zum Thema Eurobonds eine Kolumne bei SPIEGEL Online geschrieben. Meines Erachtens mit einer Argumentation, wie sie typisch ist für Eurobond-Freunde oder auch Keynes-Liebhaber oder generell von Menschen, die von den wirtschaftlichen Zusammenhängen entweder nicht den blassesten Dunst haben oder irgendeine merkwürdige Agenda verfolgen.

Ein Ökonomieverständnis der Sechzigerjahre wirft Fricke den Gegnern der Eurobonds vor. Nun, in den Sechzigern wusste man vermutlich noch, dass man jede Mark nur einmal ausgeben kann, dass man für seinen Staatshaushalt selbst verantwortlich ist und dass man erstmal vor der eigenen Tür kehren sollte, bevor man andere um Hilfe bittet. OK, scheint inzwischen unmodern zu sein. Zu konservativ. Zu viele Fakten, die dem wohligen Gefühl entgegenstehen, endlich mal das Geld anderer Leute auszugeben.

Herr Fricke hat auch anscheinend ein Problem mit dem ökonomischen Grundsatz „wer bestellt, zahlt“. Denn er hält den von der Bundesregierung geäußerten Wunsch, doch bitte nicht für die Schulden von Frankreich zur Kasse gebeten zu werden, für irgendwie egoistisch. Für nicht empathisch. Deutschland entziehe sich der Mitverantwortung. Verantwortung für was? Für die Unfähigkeit diverser Regierungen, ihrer Bevölkerung auch mal eine bittere Pille zu verabreichen? Für diese Bevölkerung, die Politiker wählt, die Geld ausgeben, dass sie nicht haben? Hat denn Deutschland irgendetwas getan, um andere Länder von Reformen abzuhalten?

Im Artikel entwickelt Herr Fricke dann die absurde Idee, Eurobonds würden irgendwas gegen Spekulanten oder Investoren (dieses Pack!) ausrichten können. Genauso schlimm: Deutschland fordert hochverschuldete Länder, die gerne mal den Euro gefährden, doch tatsächlich zu Sparsamkeit auf! Das geht natürlich gar nicht. Aber gut, allein die Tatsache, dass Herr Fricke Griechenland für „kaputtgespart“ hält deutet auf galoppierenden Realitätsverlust hin.

Dann noch der linke Kassenschlager vom schlimmen deutschen Außenhandelsüberschuss. Irgendwie wurde dieses „Problem“ so oft publiziert, dass inzwischen jeder dran zu glauben scheint. Aber damit hält sich Herr Fricke nicht lange auf, flugs schlägt er den Bogen zur Finanzkrise und versucht irgendwie dem Markt und der Selbstverantwortung die Schuld für das Fiasko zuzuschieben. Nochmal für alle: Grund für die Finanzkrise waren staatliche Eingriffe in das Zinssystem, zu billiges Zentralbankgeld, dazu der CRA, und die lockere Kreditvergabe staatlicher Banken in den USA bei der Baufinanzierung. Gerade dadurch wurde die Verantwortlichkeit für die Kreditvergabe und damit das wichtige Signal des Zinses bezüglich des Kreditrisikos gnadenlos verwässert.

Dann lobt Herr Fricke noch Mario Draghi, die vermutlich größte Gefahr für den Euro und das Finanzsystem seit Menschengedenken. Der Enteigner von Millionen von Sparern, der allein die deutschen Sparer um viele hundert Milliarden gebracht hat. Welches eigentlich diese „finanziell gut aufgestellten Länder“ sein sollen, die durch eine fiktive Finanzkrise in große Schwierigkeiten kommen könnten (und was Eurobonds dabei helfen würden), diese Information bleibt Herr Fricke schuldig. Er raunt halt gerne, deutet an, stellt Hypothesen auf, aber wenn man genauer hinschaut – ein großes Nichts. Er scheint nicht mal zu wissen, dass Griechenland heute immer noch niedrigere Zinsen zahlt als vor dem (erschwindelten) Beitritt zur Eurozone – so schlimm kann es mit den Spekulanten, die irgendwie andere in die Kapitalflucht treiben, also kaum bestellt sein.

Mit einem hat Herr Fricke allerdings möglicherweise recht: gibt es eine „Panikspirale“ an den Finanzmärkten, so können auch die weniger verschuldeten Länder in Europa betroffen sein wie beispielsweise die Niederlande oder Österreich. Hauptsächlich allerdings deshalb, weil diese auch hoch verschuldet sind (die Niederlande lag 2014 laut OECD-Zahlen bei einer Staatsschuldenquote von 80% des BIP, Österreich bei 100%) und nur die Einäugigen unter den Blinden darstellen. Und weil man es nicht oft genug sagen kann: auch das oft als Musterknabe hingestellte Deutschland ist verschuldet bis unters Dach. Insbesondere wenn man bedenkt, dass unser Pensionssystem für die lieben Staatsdiener quasi ohne Rückstellungen auf dem Prinzip Hoffnung basiert.

Zum Schluss erinnert Herr Fricke noch daran, dass ja auch Deutschland mal jahrelang Stagnation erfahren hat. Leider erinnert er sich nicht daran, wie Deutschland wieder aus dieser Stagnation herausgefunden hat: durch Sparen und durch Reformen. Rentenreform, Arbeitsmarktreform inklusive Hartz IV, Steuererhöhungen aller Art. Wenn wir anderen Ländern nun beim noch-mehr-Schulden-machen helfen, indem durch Eurobonds ihr Zins künstlich verringert wird, wie wird es dann wohl um deren Motivation für sinnvolle Reformen bestellt sein? Wir hatten die Situation ja schon mal: nach Einführung des Euros sank die Zinslast für Euroländer gravierend, aber nur wenige Länder zogen daraus den Schluss, dass sie dadurch Zeit für Reformen gewonnen haben – stattdessen haben sie die gewonnenen Verschuldungsspielräume für konsumtive Ausgaben aller Art genutzt. Mit anderen Worten: sie haben die Kohle verprasst. Warum sollte das anders werden? In der Geschichte der Menschheit haben Politiker nur dann gespart, wenn es zwingend notwendig war.

Letztlich führen Eurobonds zu einer weiteren Verzögerung der notwendigen Reformen in den diversen Schuldenländern. Und nach aller Erfahrung werden sie auch eine solche Chance nicht nutzen. Was kommt dann danach? Dürfen wir dann die Kohle direkt überweisen?

Im Prinzip kann Herr Fricke seine eigenen Ideen doch sofort in die Tat umsetzen: er sucht sich einen überschuldeten Mitbürger und nimmt auf seine Kappe einen zinsgünstigen Kredit auf, um den Mitbürger zu entschulden. Ich könnte mir vorstellen, dass Herr Fricke diese Idee für ähnlich absurd hält, wie es die Idee der Eurobonds, die Idee einer Vergemeinschaftung von Schulden generell, tatsächlich ist.

Steuereinnahmen und wer sie verschwenden will

Wahrscheinlich sind die anderen politischen Blogs heute voll von Kommentaren zum NRW-Wahlergebnis. Da ich traditionell der Musik ein paar Tage bis Monate hinterher laufe, widme ich mich einem ganz anderen Thema.

Die Steuerschätzer haben wieder getagt und stellen erhebliche zu erwartende Mehreinnahmen in Aussicht. Verschiedene Zahlen kursieren, beispielsweise knapp 8 Mrd. Euro mehr in 2017 als noch im November 2016 prognostiziert. Oder auch in absoluten Zahlen: in 2017 werden Gesamtsteuereinnahmen von 732,4 Mrd. Euro erwartet, 852,2 Mrd. Euro im Jahr 2021. Ein nominelles Plus von fast 120 Mrd. Euro. Die Steuerschätzer hatten im November 2016 noch „lediglich“ 835 Mrd. Euro für 2021 prognostiziert.

Und immer wenn mehr Geld auch nur in Aussicht steht, mangelt es nicht an guten Ratschlägen wie man das Geld verwendet sollte. Einen besonders niederschmetternden Kommentar habe ich auf Spiegel ONLINE gelesen, der hauptsächlich argumentierte, dass der Staat viel besser weiß wie man das Geld vernünftig ausgibt als der gemeine Steuerzahler, und dass Steuersenkungen vor allem bei der Einkommensteuer überhaupt keine Option sind, weil dann ja „die Reichen“ aufgrund der Progression mehr profitieren würden. Und der Artikel redet von einem „Steuersenkungswettlauf“ – gerade so, als ob in den letzten 25 Jahren ständig (oder jemals!) Steuern in signifikantem Ausmaß gesenkt wurden. Einzig sinnvoller Vorschlag: Steuermehreinnahmen für Schuldenabbau nutzen. Im Angesicht von langfristig eher steigenden Zinsen keine abwegige Idee. Aber auf die Idee, dass zur Abwechslung auch mal gespart werden könnte (und zwar echtes Sparen, also tatsächlich mal signifikant weniger auszugeben als im letzten Jahr, nicht so typisches Fake-Politiker-Sparen, wo man nur weniger ausgibt als man ursprünglich mal vorhatte), kommt der Autor auch nicht.

Aber auch anderswo gibt es geradezu erschreckende Ideen. Vor allem mehr Geld für rein konsumtive Ausgaben ist immer eine beliebte Forderung. Ab und an als Feigenblatt noch mehr Geld für Investitionen, beliebte Beispiele sind hier die Infrastruktur – als wenn die Einnahmen aus der Mineralölsteuer nicht dicke reichen würden, um hier jedes Jahr eine Komplettsanierung vorzunehmen, aber man zieht ja vor, das Geld anderweitig für die besonderen Zielgruppen der eigenen Partei zu verprassen – und natürlich die Bildung. Und kostenlose Kitas. Und kostenloses Studium. Für alle natürlich.

Da will ich ein paar Gegenvorschläge aus der Reihe „gesunder Menschenverstand“ dagegenstellen. Sozialpolitisch intelligent wäre z.B. eine Senkung des verminderten Mehrwertsteuersatzes auf – radikale Idee – 0%. Natürlich bei gleichzeitiger Entschlackung der Liste der Dinge, die mit dem verminderten Satz belegt sind. Es gibt keine gute Begründung dafür, warum z.B. ausgerechnet Schnittblumen, Pferde, Zeitungen, Zeitschriften, Düngemittel, Kaffee und Tee unter den Ausnahmen zu finden sind.

Absolut unverzichtbar ist ein Ende des Effekts der sogenannten „kalten Progression“. Dadurch, dass die Inflation das Geld immer weiter entwertet, nominell aber die Steuersatzkurve unverändert bleibt, rutschen die Einkommensteuerzahler immer weiter nach oben bei der Progressionskurve. Höchst unfair. Mein Vorschlag: Ende der unterschiedlichen Steuersätze, den Effekt der progressiven Steuer erreicht man ja allein schon durch einen Grundfreibetrag. Den würde ich im Gegensatz kräftig erhöhen. Der Steuersatz sollte bei maximal 35% liegen. Da müssen die Ideologen natürlich erst mal kräftig schlucken, sollten aber bedenken, dass nach ihrer Ansicht die Reichen ja eh keine Steuern zahlen – entlastet würde also der brave Steuerzahler und nicht „die Reichen“. Ich lasse mal unhinterfragt, woher dieses Feindbild der „Reichen“ überhaupt kommt.

Dann würde ich gerne bei den Kapitalerträgen eine Freistellung der Inflation sehen. Es kann nicht sein, dass der Bürger Steuern auf Erträge bezahlt, die er faktisch gar nicht zur Verfügung hat. Nicht zuletzt deshalb, weil der Staat selbst Inflationstreiber Nummer Eins ist.

Bei der Erbschaftsteuer könnte man übrigens auch bequem reformieren. Wer sich mit den Details der Ausgestaltung dieser Steuer befasst, verliert schnell den Glauben an Steuergerechtigkeit. Ausgewürfelte Freibeträge, willkürliche Einteilung in Steuerklassen, beliebige Steuersätze. Dazu ultrakomplexe Regelungen für die Bewertung von Betriebsvermögen. Und das alles für ein Steueraufkommen von gerade mal 7 Mrd. Euro in 2016 – das ist übrigens die Summe aus Erbschaft- und Schenkungsteuer! Wenn Bürger und Politiker ihren Neidkomplex in den Griff bekommen würden, gäbe es eine ultraeinfache Reform: einfach die Steuer komplett abschaffen. Am Ende würde das vermutlich sogar Ressourcen sparen, weil sich kein potenzieller Steuerzahler mehr Gedanken über Steuervermeidungsstrategien machen muss. Und die Politik muss nicht ständig neue merkwürdige Reformen zimmern, um noch mehr Einzelfallgerechtigkeit zu schaffen. Und dem Bundesverfassungsgericht bliebe so manche Verhandlung erspart.

Ein Ende der Planwirtschaft im Energiebereich wäre auch eine sehr einfache Methode, dem berühmten „einfachen Bürger“ wieder Luft zum Atmen zu geben – weg mit der Zwangseinspeisung des Zappelstroms, weg mit den Einspeisevergütungen. Das geht jetzt natürlich über das Steuerthema hinaus. Aber Steuern und Abgaben haben eben eines gemeinsam: sie steigen unaufhörlich. Wenn Politiker bei den Sparvorschlägen ähnlich kreativ wären wie bei den Ausgaben, wir hätten deutlich weniger Probleme.

Und ich hätte da noch einen guten Sparvorschlag zum Abschluss: Ende der staatlichen Finanzierung der diversen NGOs. Dass NGOs wie Greenpeace den Status eines eingetragenen Vereins haben dürfen, ist lächerlich.

Absolute Mindestforderung: Verwendung der kompletten Mehrreinnahmen zur Schuldenreduzierung. Obwohl der Staat die letzten Jahre von Rekord zu Rekord bei den Steuereinnahmen eilte, passierte an der Schuldenfront wenig. Deutschland ist immer noch extrem hoch verschuldet, und die langfristigen Wachstumsaussichten sind aufgrund von Demographie, Flüchtlingsproblematik, Migrationskosten,

Am Ende noch etwas, was mir auf dem Herzen liegt: manche Kommentare legen ein geradezu abwegiges Verständnis des Bürgers zum Staat nahe. Nach dem Motto: dem Staat gehört erst mal alles, was erwirtschaftet wird, und überlässt aus reiner Nächstenliebe dem Steuerzahler noch etwas für den Eigenbedarf. M.E. gäbe es nur ein Mittel, den Staat dazu zu zwingen, endlich mal Ausgaben mit Verstand zu tätigen: radikale Steuersenkung gepaart mit absolutem Verschuldungsverbot. „Starving the Beast“ hieß das mal bei Ronald Reagan, dem vermutlich weltweit letzten Staatenlenker, der wirklich liberale Steuerpolitik gemacht hat.

Die Stimme der Vernunft

Brexit-Diskussionen sind oft merkwürdig. Mitdiskutanten, die sonst ganz vernünftige Ansichten pflegen, vertreten plötzlich ganz komische Ansichten. Könnte aber auch sein, dass die dasselbe von mir denken.

Und so bin ich froh, wenigstens Professor Sinn auf meiner Seite zu haben. Unbedingt lesen. Manchmal ist Presse doch noch Qualitätspresse.

Gedanken zu Griechenland

Getreu dem Motto „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem“ will ich noch ein paar Gedanken an die Griechenlandkrise und das große Drumrum verschwenden.

Zunächst gibt es bei der ganzen Chose eine Menge Wortmeldungen, die ich schlicht nicht verstehe. Warum behauptet jemand, die EU oder Merkel oder die EZB oder Schäuble würden sich in griechische Angelegenheiten einmischen? Auf so eine Idee kann nur ein sehr dummer Mensch (oder alternativ jemand, der Propaganda betreiben will) kommen. Griechenland will Geld. Griechenland hat bewiesen, dass es überhaupt keine gute Idee ist, ihnen ohne jegliche Bedingungen Geld zu geben. Ergo gibt es Bedingungen. Wenn Griechenland diese Bedingungen nicht passen, ist das doch kein Problem – jemand anderes gibt sicher gerne Geld zu besseren Bedingungen. Die Welt ist voll von durchgeknallten Investoren wie man hört.

Warum musste ich vorgestern im ARD-Brennpunkt hören, dass durch das „Nein“ der Griechen bei der Volksbefragung Tsipras nun gestärkt in weitere Verhandlungen geht? Das „Nein“ ist doch ein klares Signal, dass es keine weiteren Verhandlungen geben wird. Es sei denn natürlich, unsere lieben Politiker wollen einmal mehr einknicken und gutes Geld schlechtem hinterherwerfen. Leider nicht auszuschließen.

Sehr merkwürdig auch die Idee, alles würde gut werden, wenn nur Griechenland dem Euro entsagen würde und wieder auf die Drachme kommt. Welches Problem soll das denn lösen können? Eine Abwertung der Währung hat noch niemandem geholfen, weder kurz- noch langfristig. Wirtschaftliche Gesundung benötigt harte Reformen, nicht das süße Gift von Weichwährung und Inflation.

Unverständlich für mich, wie es Syriza offenbar immer wieder gelingt, die Schuld auf andere zu schieben – wahlweise böse Mächte, die EU, die EZB, der IWF oder die kapitalistische Weltverschwörung. Griechenland war unter der Vorgängerregierung dank einiger Reformen durchaus auf einem nicht ganz schlechten Weg. Bis dann Syriza sich auf die schlechten alten sozialistischen Tugenden besann und vieles wieder zerstörte. Auch das wehleidige Klagen, dass die vielen geforderten (und teils umgesetzten) Reformen doch nur die kleinen Leute träfe – Freunde, ihr seit die Regierung. Führt einfach Reformen durch, die die aus Eurer Sicht richtigen treffen und jammert nicht nur rum.

Und noch etwas: die vielen Milliarden, die in Griechenland versickert sind, sind nicht „der Finanzwelt“ zugutegekommen. Im Gegenteil, die „Finanzwelt“ wird noch kräftig beim unvermeidlichen Schuldenschnitt bluten müssen (so wie sie bereits beim ersten Schuldenschnitt geblutet hat). Die vielen Milliarden sind den Griechen zugutegekommen. Vielleicht nicht allen, vielleicht nicht den „richtigen“ – tja, liebe Griechen, hättet ihr besser mal eine Regierung gewählt, die das mit dem Verteilen besser kann.

Ab und zu behauptet auch jemand, die EU oder wer auch immer gerade das Feindbild ist würde demokratische Entscheidungen der Griechen nicht akzeptieren. Vor allem Frau Wagenknecht von der Linken befeuert dieses Narrativ gerne und ausführlich, weil natürlich auf keinen Fall ihre linken Parteifreunde der Syriza für das Schlamassel verantwortlich sein kann – die sind schließlich auf die Opferrolle abonniert. Was für ein absoluter Bullshit. Die Griechen dürfen alles in welcher Art auch immer ganz alleine für sich entscheiden. Z.B. bei der jetzt durchgeführten Volksbefragung. Aber eine demokratische Entscheidung führt nicht zu einem Wünsch-Dir-Was im Anschluss. Ein demokratischer Beschluss „die Welt muss Griechenland hunderte Milliarden schenken“ darf gerne gefasst werden, wird aber wenig zielführend sein.

Großkonzerne haben’s schwer

Seit kurzer Zeit hat Coca-Cola eine neue Coke-Variante im Angebot: Coke Life. Wer es noch nicht weiß: Coke Life erkennt man am grünen Etikett und Deckel (wer erinnert sich noch an die grausame Zeit, als die klassische Coke einen grünen Deckel tragen musste?). Inhaltlich hat man einen Teil des Zuckers durch Stevia-Süße ersetzt. Genauer: 37% des Zuckers wird ersetzt. Was kalorienmäßig dann bei 270 kcal pro Liter landet. Im Vergleich: die klassische Coke liegt bei 420 kcal/l.

Als neugieriger Mensch und Coke-Liebhaber habe ich natürlich direkt testgetrunken. Und bin soweit zufrieden: geschmacklich ist die Coke Life recht nah am Original. Hat aber doch einen eigenen, angenehmen Geschmack. Vergleiche mit den Null-Kalorien-Varianten Light und Zero verbieten sich – beide schmecken bekanntlich komplett anders als das Original und „bestechen“ durch den unangenehmen Süßstoff-Nachgeschmack, der Kaloriensparer aller Länder in den Wahnsinn treibt.

Soweit meine persönliche Einschätzung. Heute durfte ich auf Focus Online (der Link ist merkwürdig, aber Stand heute korrekt – er scheint eher auf den Vorbeitrag des Experten zu verweisen) die Meinung des Experten Christoph Engl dazu lesen.

Darin prophezeit der Autor einen gewaltigen Flop. Dabei postuliert er allerhand mutige Thesen: die grüne Farbe wurde von Coca-Cola gewählt, um das Produkt mit den Attributen „natürlich“, „gesund“, „umweltbewusst“ und „sozialverträglich“ zu positionieren. Und weil inzwischen nur noch „kritische Kunden“ existieren – früher allesamt „bedenkenlose Konsumenten“ – wird das keiner kaufen wollen. Zudem die Konsumenten den Geschmacksverlust auf keinen Fall in Kauf nehmen werden. Man fragt sich, wo die ganzen Kunden für Light und Zero herkommen, wenn Geschmacksverlust nicht toleriert wird.

Derart in Fahrt, legt der Autor mit Beispielen „ähnlicher Versuche etablierter Marken“ nach: darunter VW mit dem Phaeton und Nivea im Bereich Kosmetik. Bekanntlich ist nicht alles, was hinkt, ein Vergleich – aber die Gemeinsamkeiten zwischen diesen Dingen sind doch sehr überschaubar.

Laut Autor wurden übrigens Geschmackstests durchgeführt die beweisen, dass Stevia-Extrakt anders schmeckt als Rohrzucker. Da denkt man unweigerlich an Loriot: „Ach.“ Oder modern: Captain Obvious. Ob diese Geschmackstests aber tatsächlich Coke vs. Coke Life verglichen haben und zu „merklichem Geschmacksverlust“ geführt haben, würde ich nach meinen Geschmackserfahrungen spontan bezweifeln. Tatsächlich würde ich vermuten, dass im Doppelblindversuch viele Probleme hätten die echte Coke von seinem Life-Bruder zu unterscheiden.

Die Zeit wird zeigen, ob die Coke Life sich am Markt etablieren kann. Nachdem es aber seit buchstäblich Jahrzehnten eine Geschmacksverirrung wie Cherry Coke geschafft hat, verfügbar zu bleiben, sehe ich für die Coke Life keineswegs schwarz.

Seit langer Zeit beobachte ich, dass einige Großkonzerne gerne von allen möglichen Seiten angepisst werden. Typische Ziele sind neben Coca-Cola auch McDonalds, Microsoft, Shell oder General Motors. Komischerweise deutlich seltener ebenso große Konzerne wie Apple oder Toyota. Illustriert schön den typischen „Media Bias“. Hier die Guten, dort die Bösen. Nur gepflegte Feindbilder sind gute Feindbilder.

Am Ende sei mir noch ein Hinweis erlaubt: als ich zum ersten Mal die Coke Life im Regal stehen sah, war meine Grün-Assoziation lediglich „aha, wahrscheinlich was pflanzliches drin“. Denn kein halbwegs vernünftiger Mensch, der noch nicht komplett von der pseudo-grünen Medienkampagne gehirngewaschen wurde, assoziiert mit „Grün“ Dinge wie „umweltbewusst“, „gesund“ oder „sozialverträglich“. Wenn uns die letzten 30 Jahre „grüne Politik“ etwas gelehrt hat, dann doch wohl, dass sie für das genaue Gegenteil steht.

Li-Tec am Ende

Gestern ging es durch die Presse: die Daimler AG hat beschlossen, die Akkufertigung bei der 100%-Tochter Li-Tec dichtzumachen. Offenbar war man nicht in der Lage, kostentechnisch mit den Koreanern und Chinesen mitzuhalten. Eingesetzt wurden die Li-Tec-Akkus bisher in den Elektro-Smarts, nicht hingegen in der elektrifizierten B-Klasse, die auf einem Antriebsstrang inklusive Akku von Tesla basiert.

Li-Tec begann 2006 als Unternehmung von Evonik, einer Ausgründung aus der altehrwürdigen Ruhrkohle AG. 2008 wurde daraus ein Joint-Venture zwischen Evonik und Daimler. Im April 2014 übernahm Daimler die Anteile von Evonik, und Li-Tec wurde eine 100%-Tochter der Daimler AG. Und nun also die Ankündigung, dass 2015 Schluss ist mit der Produktion von Akkuzellen. Wie man hört (aber ich habe keine zuverlässigen Quellen dazu gefunden) waren die Li-Tec-Zellen technisch ganz weit vorne, sowohl was Leistungsfähigkeit als auch Robustheit (z.B. Zyklenfestigkeit und Temperaturunempfindlichkeit) angeht. Aber preislich ganz und gar nicht konkurrenzfähig. Was einerseits sicherlich an fehlenden Stückzahlen lag, aber vermutlich auch am Fertigungsstandort Deutschland.

Daimler steigt damit allerdings nicht komplett aus der Akkufertigung aus. Bei Accumotive geht es bis auf weiteres weiter, und die Forschung soll bei Li-Tec auch weitergehen. Man konzentriert sich nun auf die Fertigung von ganzen Akkupacks, will die einzelnen Zellen aber nun einkaufen.

Was bedeutet das für den Traum vom E-Auto? Vermutlich gar nichts. Wer konnte ernsthaft erwarten, dass Deutschland ein geeigneter Fertigungsstandort für Massenfertigung eines doch relativ einfachen Bauelements sein könnte? Hat man nichts aus dem Desaster der Photovoltaik-Fertigung in Deutschland gelernt? Rohstoffe und Energie sind in Deutschland teuer, die Lohnkosten sind hoch, die Regulierung überbordend, das Steuersystem zum Davonlaufen. Aus diesem Grund ist der Abgesang der Presse auf den High-Tech-Standort Deutschland auch unsinnig – Deutschland ist strukturell gar nicht dazu geeignet, die Werkbank der Welt zu sein.

Moderne industrielle Massenfertigung zeichnet sich durch Arbeitsteilung und niedrige Fertigungstiefe aus. Gerade die Automobilindustrie hat das in den letzten 30 Jahren konsequent umgesetzt, weil man erkannt hat, dass spezialisierte Zulieferer bessere Qualität, mehr Innovation und niedrigere Preise bieten können – das Wunder des Wettbewerbs und der unsichtbaren Hand des Marktes. Warum Daimler nun geglaubt hat, dass das bei Akkus anders sein soll – man weiß es nicht. Der Traum von der „Alles-aus-einer-Hand“-Strategie scheint weiter durch die Vorstandsetagen zu wabern. Vielleicht der Apple-Virus? Aber auch Apple lässt bei Foxconn, Samsung und TSMC fertigen.