Die Lage im Ukraine-Krieg
Zuletzt hatte ich im September 2025 über den Ukraine-Krieg geschrieben. Seither ist viel passiert. Oder auch sehr wenig. Die Frontlinie hat sich kaum verändert, die Fortschritte der russischen Daueroffensive kaum erkennbar, an einigen Frontabschnitten gelangen den Ukrainern ebenso minimale Rückeroberungen.
Und dennoch scheint sich das Momentum derzeit etwas in Richtung Ukraine zu verschieben. Einige Zahlen legen nahe, dass die Russen derzeit mehr Personal verlieren, als sie rekrutieren können – das könnte mittelfristig dazu führen, dass Putin zu einer Teilmobilisierung gezwungen ist, was bisher mit hohem Aufwand vermieden wurde, weil es erhebliche innenpolitische Risiken mit sich bringt – ein toter Freiwilliger ist der Bevölkerung sehr viel einfacher zu verkaufen als ein toter Eingezogener. Und eigentlich kann es sich Russland nicht leisten, Arbeitende aus der Industrieproduktion an die Front zu schicken.
Das Abschalten der Starlink-Nutzung für die Russen bringt nach wie vor Probleme mit sich, die Russland nach wie vor nicht annähernd durch Ersatztechnologie kompensieren kann. Weiterhin beherrschen die Drohnen den Himmel, was klassische Kriegsführung – Konzentration gepanzerter Kräfte, massierter Vorstoß an einem Frontabschnitt – weiterhin verunmöglicht oder zumindest stark erschwert und risikobehaftet macht. Das „gläserne Gefechtsfeld“ durch die Aufklärunsdrohnen und die nach wie vor hohe Verwundbarkeit gepanzerter Fahrzeuge durch die praktisch unendliche Verfügbarkeit von FPV-Drohnen sorgen dafür. Die Seite, die dieses Problem als erstes in den Griff bekommt – naheliegende Lösung: KI-vernetzte Waffenstationen auf allen gepanzerten Fahrzeugen mit ausreichendem und treffsicherem Munitionsvorrat – wird eventuell in der Lage sein, wieder zum Bewegungskrieg überzugehen, und dann können täglich eventuell ein paar Kilometer Landgewinn erreicht werden statt wie heute ein paar Meter.
Trump scheint die Vermittlungsbemühungen weitgehend eingestellt zu haben – im Moment logischerweise wegen der Iran-Priorität, aber auch schon zuvor waren die Positionen festgefahren, und Trump war nicht willens, die eine oder andere Seite ausreichend unter Druck zu setzen, um hier Bewegung zu forcieren.
Die Ukraine erzielte zuletzt mit heimischer Drohnen- und Marschflugkörperproduktion auch einige Erfolge im rückwärtigen Raum, insbesondere bei Schlägen gegen die russische Ölindustrie – egal ob Ölförderung, Raffinerie, Tanklager oder Verladeterminal, die Russen sind offenbar nicht in der Lage, diese Ziele wirksam zu schützen – kein Wunder, die Zahl ist einfach unglaublich groß, und die Wirkmittel der Ukrainer preiswert genug, um quasi jede Abwehr zu übersättigen – eine Parallele zum Iran-Krieg. Beobachter sprechen von „kinetischen Sanktionen“ seitens der Ukrainer – schöner Begriff. Jedenfalls ist das mittelfristig Russlands verwundbarste Stelle – die Finanzierung des Krieges ist eh schon schwierig, und jetzt kommen die Einbußen durch diese Zerstörungen noch hinzu.
Wie geht es weiter? Schwer zu sagen. Im Moment ist es ein Patt in einem Abnutzungskrieg, der momentan die Russen mehr abnutzt – aber die haben weiterhin den Personal- und Materialvorteil, auch wenn er zu schwinden scheint. „Schwer zu sehen die Zukunft ist – immer in Bewegung“ sagte schon Meister Joda. Immerhin scheinen die Europäer weiterhin gewillt, die Ukraine mindestens finanziell zu unterstützen – materialtechnisch ist ja nicht mehr so besonders viel Nützliches da, was man guten Gewissens liefern könnte, ohne sich selbst völlig nackig zu machen. Und die große Zeitenwende lässt zumindest was das tatsächliche Füllen der Depots angeht weiterhin auf sich warten. Immerhin sind zumindest einige sinnvolle Bestellungen zur Stärkung der Bundeswehr erfolgt, da war noch Schlimmeres zu befürchten.
Insgesamt kann man aber festhalten, dass sich die Gesamtsituation seit meiner Einlassung von September 2022 (!) nicht signifikant geändert hat. Man sollte sich aber hüten, daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.