Helmut Kohl – Ein Nachruf

Heute wurde der Tod von Helmut Kohl bekannt. 87 Jahre alt ist er geworden, sein politisches Vermächtnis von 16 Jahren Kanzlerschaft ist zuallererst die Einheit Deutschlands, aber auch der Euro und eine vertiefte Integration der EU.

Neben der Einheit Deutschlands verblasst natürlich vieles. Ich verbinde mit Kohl aber hauptsächlich die Jahre 1982 bis 1989, als er den unerträglichen Stillstand der Regierung Schmidt beendete und endlich wieder wirtschaftlicher und finanzpolitischer Sachverstand von einer breiten Mehrheit des Bundestages getragen war und nicht nur durch einzelne Regierungsmitglieder. Die Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses war meines Erachtens eng verknüpft mit dem damals schon sich abzeichnenden Niedergang der Sowjetunion und deren osteuropäischen Bündnispartner. Die Stationierung von atomar bestückten Pershing-II-Raketen und der Cruise-Missile-Marschflugkörper war die notwendige Antwort auf die atomare Aufrüstung der Sowjetunion in Form der Stationierung der SS-20-Raketen in Osteuropa. Gott sei Dank hat sich damals die sogenannte Friedensbewegung, die nach meinem Dafürhalten sehr wenig mit Frieden im Sinn hatten (ganz ähnlich wie die heutigen angeblichen Umweltschützer (gerne auch mal dieselben Personen aus der Friedensbewegung), die sich nicht für den Erhalt einer lebenswerten Umwelt und Natur interessieren und einsetzen), mit ihren Forderungen nach faktischer Kapitulation nicht durchgesetzt.

Warum die Sowjetunion damals diese offensive Aufrüstung des nuklearen Mittelstreckenpotenzials in Form der SS-20 so forcierte, bleibt Spekulation. Es war eine klar aggressive Geste in Richtung Westeuropa, und gleichzeitig ja auch ein Hinweis an die USA: Euch betrifft es ja nicht, Eure Zweitschlagfähigkeit ist durch Interkontinentalraketen und der strategischen U-Boote ja nicht gefährdet. Der Verdacht liegt also nahe, dass man einfach etwas Zwietracht zwischen den Verbündeten säen wollte. Gott sei Dank war damals Ronald Reagan am Ruder (obwohl die ersten Schritte von Carter gemacht wurden, bleibt für mich unklar, ob er das durchgezogen hätte), der dieses Manöver durchschaute und in Form der Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa die einzig richtige Antwort gab – eine harte, klare und unmissverständliche Ansage an die Kriegstreiber aus dem Osten, ein Signal der Geschlossenheit an die NATO-Partner.

Positiv in Erinnerung blieb mir die Wirtschafts- und Finanzpolitik der achtziger Jahre. Die große Steuerreform unter Stoltenberg war vermutlich die letzte vernünftige Reform des deutschen Steuerwesens. Dazu der stetige Rückgang der Arbeitslosigkeit und der Neuverschuldung, beides erst gebremst durch das, was als „Deutsche Einheit“ in den Geschichtsbüchern steht, aus wirtschaftlicher Sicht aber schlicht der Aufkauf einer DDR, die faktisch pleite war, durch die BRD bedeutete. Inklusive Übernahme aller Altlasten. Und man mag kritisieren, dass die Angleichung der Lebensumstände in Ost und West vielleicht noch nicht abgeschlossen ist – dass aber auch der Durchschnittsbürger in Neufünfland heute weit besser lebt selbst als die damalige DDR-Elite, das dürfte unbestritten sein.

Warum Kohl 1998 nochmals als Kanzlerkandidat antrat, werde ich vermutlich nie verstehen. Wahrscheinlich hat er einfach in der CDU keinem seiner Vertrauten den Job zugetraut, und seinen Erzfeinden wie Biedenkopf oder Späth hätte er niemals freiwillig Platz gemacht. Da war er durchaus konsequent, andere sagen dickköpfig. Dickköpfig war er auch beim Aussitzen der Renten- und Steuerproblematik, erst 1997 gab es da Bewegung, die hauptsächlich an der SPD-Totalblockade im Bundesrat scheiterte, die wenigen durchgesetzten Dinge wurden von der Regierung Schröder im Chaos-Anfangsjahr von Rot-Grün direkt wieder zurückgedreht (um Jahre später in leicht veränderter Form wieder beschlossen zu werden) – vor allem bei der Rente einer der teuersten Fehler der Politik, die jemals begangen wurden. Zumindest bis Angela Merkel kam.

Noch ein kurzes Wort zur deutschen Einheit: aus meiner Sicht hat Kohl da viele Fehler gemacht, vor allem bezüglich der Ausgestaltung der Wirtschaftspolitik und des Überstülpens der schon damals überregulierten West-Verwaltung über die Ost-Strukturen. Und das zu einem Zeitpunkt, da leichtgewichtige und flexible Lösungen angebracht gewesen wären. Aber die Grundidee war gegenüber den Ideen eines Oskar Lafontaine natürlich weitaus besser. Leider verstand Kohl recht wenig von liberaler Wirtschaftspolitik und setzte seine Hoffnungen wohl zu stark auf die Selbstdarstellung der DDR als damals (zumindest laut der Statistiken) zehntgrößter Industriestaat und die Weiterführung der Exporte in die osteuropäischen Absatzmärkte. Bei der Abwicklung der DDR-Substanz durch die Treuhandanstalt wurde ja letztlich klar, wie unglaublich marode und ineffizient die Industrie der DDR war, die letztlich fast nur auf dem Weltmarkt unverkäufliche Produkte im Sortiment hatte. Und die Bürger der DDR wollten das Zeugs ja nicht mal selbst haben. Ich glaube nicht, dass das 1989 in dieser Form schon jemand auf der Rechnung hatte. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR 1991 zerfiel dann auch dieser letzte Absatzmarkt für DDR-Produkte.

Im Übrigen denke ich, dass in dieser Form die Einheit ohne Kohl undenkbar gewesen wäre. Oftmals wird es ja so dargestellt, dass die Einheit auf jeden Fall gekommen wäre, egal wer da auf dem Kanzlerstuhl gesessen hätte. Das halte ich für Unsinn – Kohl war die treibende Kraft, von den Verhandlungen mit Gorbatschow bis zum Übergehen diverser Bedenkenträger bei den westeuropäischen Partnerländern. Bekanntlich waren weder Mitterand noch Thatcher große Fans der Einheitsidee. Ob Kohl das hätte durchsetzen können ohne die Unterstützung von George Bush, bleibt natürlich fraglich. Aber hätte man ruhig den Zerfall des Ostblocks abgewartet, wer weiß wie die Geschichte dann verlaufen wäre.

Und nichts zur Parteispendenaffäre? Nein, die halte ich im Gesamtzusammenhang für ein extrem unwichtiges Faktum am Rande. Schlimmer für uns alle war wohl Kohls fatales Vertrauen in Angela Merkel, die es ohne Kohls Zutun vermutlich nie an die Spitze der CDU geschafft hätte.

Jedenfalls hat Kohl nach seinem Abgang als Kanzler vornehme Zurückhaltung geübt. Sehr angenehm, vor allem im Vergleich zu seinem Vorgänger und seinem Nachfolger. Helmut Schmidts Drang, den Weltökonom zu geben und die Welt – vor allem eben die Wirtschaftswelt – über ihre Irrtümer aufzuklären, war mir schon immer zuwider. Ein Kanzler, dessen Hinterlassenschaft eine einzige wirtschaftliche Katastrophe war – von der Arbeitslosigkeit über die Verschuldung bis zur Inflation – hätte sich besser in etwas Zurückhaltung geübt. Wobei die mediale Hofierung Schmidts im neuen Jahrtausend natürlich auch ein Zeichen für den Verfall der Bildungsstandards vor allem im journalistischen Bereich, aber auch in weiten Teilen der Bevölkerung war.

Kleinere Anpassungen am 2017-07-01 – Wording, Ergänzungen, Korrekturen.

Trump und das Klima

Die Gazetten drehen hohl, auf allen Fernsehsendern herrscht tiefe Betroffenheit, Politiker sagen noch mehr und häufiger komplett schwachsinnige Dinge als sonst, und alles scheint sich in kollektiver Besoffenheit (Copyright 2011 by Zettel) zu suhlen. 2011 Fukushima, 2016 Brexit und 2017 schließlich die Kündigung des Pariser Klimaabkommens durch die USA, respektive Präsident Trump. Normalerweise sind ja die Leserkommentare bei den Online-Medien wie SPIEGEL Online oder Focus Online nochmal abstruser als die Berichterstattung, die durch sie kommentiert wird. In diesem Falle scheint aber die Berichterstattung in ihrer Schrillheit nicht mal theoretisch überbietbar zu sein.

Was ist passiert? Wie im Wahlkampf angekündigt macht US-Präsident Trump in Sachen Klimapolitik Nägel mit Köpfen. Abkommen, die aus seiner Sicht keinen Sinn ergeben, werden aufgekündigt, und so hat es zwangsläufig das Pariser Klimaabkommen getroffen. So weit, so normal – man behalte im Hinterkopf, dass der frühere US-Präsident Obama zwar das Pariser Abkommen unterzeichnet hat, es aber vorsichtshalber nicht dem Senat zur Ratifizierung vorgelegt hat, vermutlich weil er wusste, dass er dort keine Mehrheit hatte. Eigentlich ist also sogar fragwürdig, ob Trump das Abkommen denn überhaupt kündigen muss, schließlich ist es aufgrund fehlender Ratifizierung für die USA nie in Kraft getreten. Man könnte also argumentieren, dass Trump lediglich den Status Quo für alle endgültig geklärt hat (die deutsche Wikipedia listet die USA z.B. als ratifizierende Nation des Abkommens, was nicht der Wahrheit entspricht – mindestens ist es aber strittig).

Was ist der Inhalt des Pariser Klimaschutzabkommens? Hauptsächlich Absichtserklärungen. Jedes unterzeichnende Land sichert zu, gewisse Anstrengungen zu unternehmen, um seinen CO2-Ausstoß zu reduzieren. Das alles völlig unverbindlich, ohne Sanktionsmöglichkeiten, letztlich auch ohne internationale Kontrolle. Wozu auch kontrollieren, wenn die Ergebnisse niemanden interessieren? Dafür waren die formulierten Ziele umso ambitionierter: das „2-Grad-Ziel“ (teilweise war sogar vom „1,5-Grad-Ziel die Rede) wurde weithin publiziert, also die Beschränkung der Klimaerwärmung auf +2 (bzw. 1,5) Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveaus.

An dieser Stelle fragt sich der Experte, was für Schwachsinnige denn hier am Werk waren. Angesichts von Klimamodellen, die kaum besser sind als Zufallszahlengeneratoren die als Nebeneffekt einen Haufen Rechenzeit verschwenden, ist völlig unklar, was denn notwendig wäre, um das „2-Grad-Ziel“ zu erreichen. CO2-Reduktion um wieviel? Reduktion anderer „Klimagase“? Aktive Maßnahmen wie Algendüngung oder Einbringung von Stoffen in die Atmosphäre? Nix genaues weiß man nicht. Die CO2-dominierten Klimamodelle schwanken ja auch ziemlich bezüglich der Klimasensitivität. Da kann eine Verdoppelung der CO2-Konzentration der Atmosphäre mal 1 Grad Erwärmung verursachen, oder auch mal 8 Grad. Auf welcher Basis sollen denn hier Maßnahmen beschlossen werden, die ähnlich präzise wirken sollen wie wenn man im Haus am Thermostat dreht? Was ist der Thermostat der Erde? Erscheint mir als Hybris, die ganze Geschichte. Vor allem wenn man noch bedenkt, dass letztlich die globale Mitteltemperatur doch völlig uninteressant ist – entscheidend ist, wie sich der Klimawandel in den kritischen Regionen der Erde auswirkt. Oder um es plakativ auszudrücken: aus der Tatsache, dass es in Hamburg in 100 Jahren so warm sein wird wie heute in Freiburg, fällt es schwer, die Klimakatastrophe als Schreckgespenst an die Wand zu malen.

Auch lustig sind die diversen Details, zu was sich die einzelnen Länder im Rahmen des Abkommens verpflichtet haben. Das war einer der Aufhänger für Trump, das Abkommen als „unfair für die USA“ zu bezeichnen. Angesichts der Tatsache, dass sowohl China als auch Indien bis 2030 quasi einen Freibrief bezüglich CO2-Emissionen bekommen haben, kann man das durchaus nachvollziehen. Auch wenn natürlich fraglich ist, ob die USA es denn wirklich anstreben sollten, mit China und Indien bei der Produktion energieintensiver und lohnkostensensibler Waren zu konkurrieren. Aber mal als Vergleich: bereits heute hat China beim CO2-Ausstoß-pro-Kopf Frankreich deutlich hinter sich gelassen, dümpelt aber beim Wohlstand (kaufkraftbereinigtes BIP pro Kopf) auf etwa einem Drittel des Frankreich-Niveaus. Es gibt also eigentlich keinen Grund für eine „Lex China“ im Abkommen – auch wenn China weiterhin den Status Entwicklungsland statt Industrienation unbedingt behalten will.

Nun, das Abkommen enthält also hoch gesteckte Ziele, die wenn man genau hinschaut pro Nation dann plötzlich nicht besonders ambitioniert sind, und es gibt keinerlei echte Verpflichtungen, sondern alles basiert auf Freiwilligkeit. Man nehme ein Klimamodell und stecke die Reduktionsvorschläge bezüglich CO2 der einzelnen Nationen rein. Was ist die Temperaturprognose für 2100? Bjorn Lomborg hat es ausgerechnet und kommt auf gewaltige 0,05 Grad Reduktion gegenüber dem „business as usual“-Szenario. Man könnte also sagen, dass es sich um ein echtes Bullshit-Polittheater-Abkommen handelt.

Man fragt sich also, warum alle Welt plötzlich aufjault, wenn Trump die Notbremse zieht. Denn einen wirklichen Unterschied gegenüber einem Szenario mit Beteiligung der USA gibt es ja nun wirklich nicht. Zumindest nicht in der Realität, vielleicht im Wolkenkuckucksheim der Politik.

Man lese sich nur mal diesen Beitrag auf SPIEGEL Online durch, amüsanterweise im Bereich „Wissenschaft“ erschienen. Der sieht es als „besondere Magie“ des Vertrages an, dass niemand für dessen Einhaltung verantwortlich ist. Und hätte es für besser gehalten, wenn Trump das Abkommen nicht aufgekündigt hätte, sondern einfach die Zusagen der USA hintenrum still und leise kassiert hätte. Weil war ja nix verbindlich. Dann wird im Artikel auch noch behauptet, dass der Meeresspiegel steigt, die Extremwetterereignisse sich häufen und die Gletscher tauen. Man sollte festhalten, dass die Faktenlage hier extrem dünn ist – zwar steigt der Meeresspiegel tatsächlich, aber eine Beschleunigung aufgrund der Temperaturerhöhungen ist nicht in Sicht. Ebenso gibt es bis heute keinen Nachweis, dass sich Extremwetterereignisse häufen – sicher ist nur, dass sich die Schäden wegen Extremwetterereignissen vergrößert haben, was aber ganz einfach durch den weltweit steigenden Wohlstand zu erklären ist. Richtig ist allerdings, dass die Mittel für den im Pariser Abkommen vorgesehenen Klima-Fond durch den Ausstieg der USA stark gefährdet sind – angesichts der Tatsache, dass dieser Klima-Fond eine Art alternative Entwicklungshilfe darstellt und man inzwischen ja weiß, wie schädlich sich klassische Entwicklungshilfe auswirkt, könnte das für die Entwicklungsländer ein Segen sein. Ansonsten spinnt sich der Artikel merkwürdige Ideen bezüglich des Verlustes von Einfluss der USA aufgrund der Nichtteilnahme am großen Klima-Theater zusammen. Inwiefern „Einfluss“ in harten Dollars bewertet werden kann, das lässt der Verfasser offen. Immerhin stehen ein paar erschreckend hohe Zahlen bezüglich bisheriger und zu erwartender Investitionen im Bereich der „Erneuerbaren Energien“ drin – angesichts der erwiesenen Wirkungslosigkeit dieser Investitionen zieht der Artikel aber nicht den zwingenden Schluss, dass man irgendwie auf dem Holzweg ist.

Noch einen drauf setzt Martina Fietz in ihrer Focus Online-Kolumne. Trump auf Irrfahrt, Trump rettet Europa, es wird von Vorteil sein viel Geld für wirkungslose Maßnahmen und Subventionen auszugeben, China wird gelobt weil sie ihre Verpflichtungen (die, wie oben beschrieben, gar keine CO2-Reduktion umfassen!) einhalten wollen, Klimawandel bedeutet drohender Kollaps des Planeten, der Rest der Welt will verantwortliche und zukunftsweisende Politik machen, der Grundkonsens des Westens sei aufgekündigt, die EU erscheine zunehmend als einzige Möglichkeit, die Grundwerte von Demokratie, Solidarität und Menschenrechten zu wahren. Nun, man kann durchaus der Meinung sein, dass der gemeinsame Feind Trump die europäischen Reihen geschlossen hat. Aber inwiefern das nun plötzlich die EU-Probleme lösen soll, und inwiefern ein wirkungsloses Klimaabkommen für Demokratie, Solidarität und Menschenrechte steht – all das bleibt im Dunkeln. Der Artikel führt eindrucksvoll vor Augen, wie der journalistische Konsens derzeit aussieht: alles was angeblich gut fürs Klima ist ist super, jeder der dagegen ist ist mindestens ein Amokläufer und ein Menschenfeind, Kampf gegen den Klimawandel rechtfertigt beliebige Kosten, „business as usual“ treibt uns in die Klimakatastrophe und wir werden alle sterben. Alle diese Positionen müssen offenbar gar nicht mehr begründet werden oder mit Fakten untermauert werden, sie sind quasi die eigentlichen Axiome unserer Welt. Jeder mit gesundem Restmenschenverstand muss sich da im falschen Film wähnen.

Aber Focus Online kann natürlich auch Außenpolitik. In diesem Artikel wird die künftige chinesische Rolle einer Supermacht und Führungsmacht bei allen zukünftigen Fragen prognostiziert. Wegen der Kündigung eines Abkommens, das nachweislich wirkungslos ist. Und die Chinesen führen beim Kampf gegen den Klimawandel, indem sie für sich eine besondere Ausnahme bei den teuren Maßnahmen reklamieren und den Rest der Welt bezahlen lassen. Ja, das klingt nach einer Führungsrolle, der sich die EU jubilierend unterordnen wird. Andere führen, wir zahlen – super. Naja, die Chinesen sind derzeit ja dabei, massiv die Kernenergie auszubauen. Dann könnten wir am Ende ja doch das Klima retten, wenn wir Europa mit chinesischen Kernreaktoren zupflastern anstatt mit Windmühlen und Photovoltaik. Preiswerter und sinnvoller als unsere jetzige Strategie wäre es auf jeden Fall.

Den einzig vernünftigen Artikel zu diesem Themenkomplex im Bereich Qualitätsjournalismus habe ich bei Welt Online gefunden – ist aber ein Gastbeitrag von eben jenem Bjorn Lomborg, kann also nicht wirklich gezählt werden. Es ist amüsant, dass gerade der Artikel mit sauber recherchierten gesicherten Fakten unter „Debatte“ und „Meinung“ veröffentlicht wurde.

Zum Abschluss noch ein paar Statements aus dem Bereich „gesunder Menschenverstand“ – jeder, der sich an den nackten Fakten orientiert, wird zu denselben Schlüssen kommen wie ich.

Die „Erneuerbaren Energien“ mögen ein Teil der Lösung sein, aber es ist eine sehr teure, schlecht skalierende Lösung. Es sei denn man ist Norwegen, Schweden oder Österreich und kann mit Wasserkraft große Teile des Strombedarfs decken. Windmühlen und Photovoltaik jedenfalls sind bis auf weiteres Teil des Problems, nicht der Lösung. Und bei Biomasse hat man einen klassischen Zielkonflikt Umwelt- vs. Klimaschutz, wo ich jederzeit für den Umweltschutz eintreten würde, denn der hat nachweisbar positive Auswirkungen auf unser aller Leben.

Kernenergie wäre eine optimale Lösung des CO2-Problems (und vieler anderer Probleme) – in Form von Hochtemperaturreaktoren wäre sogar eine CO2-neutrale Verkehrsinfrastruktur in Form von Wasserstoff für Brennstoffzellen oder synthetische Kraftstoffe als direkter Ersatz für Benzin und Diesel möglich. Leider hat sich ja ein erklecklicher Teil der Welt von dieser Lösungsmöglichkeit abgewendet, indem die Kernenergie totreguliert wurde und damit kosten- und bauzeitmäßig oftmals so im Hintertreffen ist, dass sie nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber Gas- oder Kohlekraftwerken sind. Allein in Deutschland wurde von der Politik ja nachhaltig klar gemacht, dass langfristige Investitionen jederzeit in Enteignung oder beliebiger Kostensteigerung durch sinnlose Vorschriften münden kann. Und Investitionsunsicherheit ist eben der Tod für alle Investitionstätigkeiten. Die Stromwirtschaft in Deutschland ist schon lange in einer lupenreinen Planwirtschaft angekommen.

Klimapolitik ist seit jeher eine echte Lachplatte. Bisher jedes Abkommen hatte wachsweiche Verpflichtungen, die auch jedes Mal folgerichtig nicht eingehalten wurden. Insbesondere nicht vom angeblichen Musterschüler Deutschland – warum hierzulande immer noch so viele Menschen davon überzeugt sind, dass Deutschland der Vorkämpfer im Klimaschutz ist, kann ich nicht begreifen. Signifikante CO2-Reduktion gab es in Deutschland nur nach 1990, als die DDR deindustrialisiert wurde. Und demnächst werden die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet, die dann durch Kohlekraftwerke ersetzt werden müssen, denn was anderes haben wir nicht in petto – das wird die CO2-Bilanz der „Energiewende“ nochmal katastrophaler ausfallen lassen. Die USA hingegen haben durch ihre massiven Fracking-Aktivitäten allein aufgrund von marktwirtschaftlichen Mechanismen viel Kohlestrom durch Gasstrom ersetzt und so ihre CO2-Emissionen über die letzten Jahre reduziert – seit dem Jahr 2000 sank der Pro-Kopf-CO2-Ausstoß um fast ein Viertel.

Ich würde mir wünschen, dass auch die Klimawissenschaft endlich mal liefert. Wir sollten endlich rausfinden, wie wichtig das CO2-Problem tatsächlich ist. Dazu brauchen wir Klimamodelle, die wenigstens ein bisschen mit der Realität zu tun haben. Wir brauchen Klimamodelle, die regionale Vorhersagen erlauben. Nur so können wir herausfinden, ob die kostenintensive CO2-Reduktion wirklich der bessere Ansatz ist als eine Anpassungsstrategie. Im Moment werden alternative Lösungsmöglichkeiten zur CO2-Reduktion ja nicht mal andiskutiert. Zu diesem Themenkomplex hat sich auch Peter Heller bei ScienceSkeptical kluge Gedanken gemacht.

Im Moment sehen die weltweiten CO2-Reduktionsbemühungen jedenfalls eher aus wie die gigantischste Fehlallokation von Investitionen seit Menschengedenken.

Die unerklärliche Beliebtheit der Eurobond-Idee

Herr Fricke hat zum Thema Eurobonds eine Kolumne bei SPIEGEL Online geschrieben. Meines Erachtens mit einer Argumentation, wie sie typisch ist für Eurobond-Freunde oder auch Keynes-Liebhaber oder generell von Menschen, die von den wirtschaftlichen Zusammenhängen entweder nicht den blassesten Dunst haben oder irgendeine merkwürdige Agenda verfolgen.

Ein Ökonomieverständnis der Sechzigerjahre wirft Fricke den Gegnern der Eurobonds vor. Nun, in den Sechzigern wusste man vermutlich noch, dass man jede Mark nur einmal ausgeben kann, dass man für seinen Staatshaushalt selbst verantwortlich ist und dass man erstmal vor der eigenen Tür kehren sollte, bevor man andere um Hilfe bittet. OK, scheint inzwischen unmodern zu sein. Zu konservativ. Zu viele Fakten, die dem wohligen Gefühl entgegenstehen, endlich mal das Geld anderer Leute auszugeben.

Herr Fricke hat auch anscheinend ein Problem mit dem ökonomischen Grundsatz „wer bestellt, zahlt“. Denn er hält den von der Bundesregierung geäußerten Wunsch, doch bitte nicht für die Schulden von Frankreich zur Kasse gebeten zu werden, für irgendwie egoistisch. Für nicht empathisch. Deutschland entziehe sich der Mitverantwortung. Verantwortung für was? Für die Unfähigkeit diverser Regierungen, ihrer Bevölkerung auch mal eine bittere Pille zu verabreichen? Für diese Bevölkerung, die Politiker wählt, die Geld ausgeben, dass sie nicht haben? Hat denn Deutschland irgendetwas getan, um andere Länder von Reformen abzuhalten?

Im Artikel entwickelt Herr Fricke dann die absurde Idee, Eurobonds würden irgendwas gegen Spekulanten oder Investoren (dieses Pack!) ausrichten können. Genauso schlimm: Deutschland fordert hochverschuldete Länder, die gerne mal den Euro gefährden, doch tatsächlich zu Sparsamkeit auf! Das geht natürlich gar nicht. Aber gut, allein die Tatsache, dass Herr Fricke Griechenland für „kaputtgespart“ hält deutet auf galoppierenden Realitätsverlust hin.

Dann noch der linke Kassenschlager vom schlimmen deutschen Außenhandelsüberschuss. Irgendwie wurde dieses „Problem“ so oft publiziert, dass inzwischen jeder dran zu glauben scheint. Aber damit hält sich Herr Fricke nicht lange auf, flugs schlägt er den Bogen zur Finanzkrise und versucht irgendwie dem Markt und der Selbstverantwortung die Schuld für das Fiasko zuzuschieben. Nochmal für alle: Grund für die Finanzkrise waren staatliche Eingriffe in das Zinssystem, zu billiges Zentralbankgeld, dazu der CRA, und die lockere Kreditvergabe staatlicher Banken in den USA bei der Baufinanzierung. Gerade dadurch wurde die Verantwortlichkeit für die Kreditvergabe und damit das wichtige Signal des Zinses bezüglich des Kreditrisikos gnadenlos verwässert.

Dann lobt Herr Fricke noch Mario Draghi, die vermutlich größte Gefahr für den Euro und das Finanzsystem seit Menschengedenken. Der Enteigner von Millionen von Sparern, der allein die deutschen Sparer um viele hundert Milliarden gebracht hat. Welches eigentlich diese „finanziell gut aufgestellten Länder“ sein sollen, die durch eine fiktive Finanzkrise in große Schwierigkeiten kommen könnten (und was Eurobonds dabei helfen würden), diese Information bleibt Herr Fricke schuldig. Er raunt halt gerne, deutet an, stellt Hypothesen auf, aber wenn man genauer hinschaut – ein großes Nichts. Er scheint nicht mal zu wissen, dass Griechenland heute immer noch niedrigere Zinsen zahlt als vor dem (erschwindelten) Beitritt zur Eurozone – so schlimm kann es mit den Spekulanten, die irgendwie andere in die Kapitalflucht treiben, also kaum bestellt sein.

Mit einem hat Herr Fricke allerdings möglicherweise recht: gibt es eine „Panikspirale“ an den Finanzmärkten, so können auch die weniger verschuldeten Länder in Europa betroffen sein wie beispielsweise die Niederlande oder Österreich. Hauptsächlich allerdings deshalb, weil diese auch hoch verschuldet sind (die Niederlande lag 2014 laut OECD-Zahlen bei einer Staatsschuldenquote von 80% des BIP, Österreich bei 100%) und nur die Einäugigen unter den Blinden darstellen. Und weil man es nicht oft genug sagen kann: auch das oft als Musterknabe hingestellte Deutschland ist verschuldet bis unters Dach. Insbesondere wenn man bedenkt, dass unser Pensionssystem für die lieben Staatsdiener quasi ohne Rückstellungen auf dem Prinzip Hoffnung basiert.

Zum Schluss erinnert Herr Fricke noch daran, dass ja auch Deutschland mal jahrelang Stagnation erfahren hat. Leider erinnert er sich nicht daran, wie Deutschland wieder aus dieser Stagnation herausgefunden hat: durch Sparen und durch Reformen. Rentenreform, Arbeitsmarktreform inklusive Hartz IV, Steuererhöhungen aller Art. Wenn wir anderen Ländern nun beim noch-mehr-Schulden-machen helfen, indem durch Eurobonds ihr Zins künstlich verringert wird, wie wird es dann wohl um deren Motivation für sinnvolle Reformen bestellt sein? Wir hatten die Situation ja schon mal: nach Einführung des Euros sank die Zinslast für Euroländer gravierend, aber nur wenige Länder zogen daraus den Schluss, dass sie dadurch Zeit für Reformen gewonnen haben – stattdessen haben sie die gewonnenen Verschuldungsspielräume für konsumtive Ausgaben aller Art genutzt. Mit anderen Worten: sie haben die Kohle verprasst. Warum sollte das anders werden? In der Geschichte der Menschheit haben Politiker nur dann gespart, wenn es zwingend notwendig war.

Letztlich führen Eurobonds zu einer weiteren Verzögerung der notwendigen Reformen in den diversen Schuldenländern. Und nach aller Erfahrung werden sie auch eine solche Chance nicht nutzen. Was kommt dann danach? Dürfen wir dann die Kohle direkt überweisen?

Im Prinzip kann Herr Fricke seine eigenen Ideen doch sofort in die Tat umsetzen: er sucht sich einen überschuldeten Mitbürger und nimmt auf seine Kappe einen zinsgünstigen Kredit auf, um den Mitbürger zu entschulden. Ich könnte mir vorstellen, dass Herr Fricke diese Idee für ähnlich absurd hält, wie es die Idee der Eurobonds, die Idee einer Vergemeinschaftung von Schulden generell, tatsächlich ist.

Steuereinnahmen und wer sie verschwenden will

Wahrscheinlich sind die anderen politischen Blogs heute voll von Kommentaren zum NRW-Wahlergebnis. Da ich traditionell der Musik ein paar Tage bis Monate hinterher laufe, widme ich mich einem ganz anderen Thema.

Die Steuerschätzer haben wieder getagt und stellen erhebliche zu erwartende Mehreinnahmen in Aussicht. Verschiedene Zahlen kursieren, beispielsweise knapp 8 Mrd. Euro mehr in 2017 als noch im November 2016 prognostiziert. Oder auch in absoluten Zahlen: in 2017 werden Gesamtsteuereinnahmen von 732,4 Mrd. Euro erwartet, 852,2 Mrd. Euro im Jahr 2021. Ein nominelles Plus von fast 120 Mrd. Euro. Die Steuerschätzer hatten im November 2016 noch „lediglich“ 835 Mrd. Euro für 2021 prognostiziert.

Und immer wenn mehr Geld auch nur in Aussicht steht, mangelt es nicht an guten Ratschlägen wie man das Geld verwendet sollte. Einen besonders niederschmetternden Kommentar habe ich auf Spiegel ONLINE gelesen, der hauptsächlich argumentierte, dass der Staat viel besser weiß wie man das Geld vernünftig ausgibt als der gemeine Steuerzahler, und dass Steuersenkungen vor allem bei der Einkommensteuer überhaupt keine Option sind, weil dann ja „die Reichen“ aufgrund der Progression mehr profitieren würden. Und der Artikel redet von einem „Steuersenkungswettlauf“ – gerade so, als ob in den letzten 25 Jahren ständig (oder jemals!) Steuern in signifikantem Ausmaß gesenkt wurden. Einzig sinnvoller Vorschlag: Steuermehreinnahmen für Schuldenabbau nutzen. Im Angesicht von langfristig eher steigenden Zinsen keine abwegige Idee. Aber auf die Idee, dass zur Abwechslung auch mal gespart werden könnte (und zwar echtes Sparen, also tatsächlich mal signifikant weniger auszugeben als im letzten Jahr, nicht so typisches Fake-Politiker-Sparen, wo man nur weniger ausgibt als man ursprünglich mal vorhatte), kommt der Autor auch nicht.

Aber auch anderswo gibt es geradezu erschreckende Ideen. Vor allem mehr Geld für rein konsumtive Ausgaben ist immer eine beliebte Forderung. Ab und an als Feigenblatt noch mehr Geld für Investitionen, beliebte Beispiele sind hier die Infrastruktur – als wenn die Einnahmen aus Mineralölsteuer, KfZ-Steuer und Maut nicht dicke reichen würden, um hier jedes Jahr eine Komplettsanierung vorzunehmen, aber man zieht ja vor, das Geld anderweitig für die besonderen Zielgruppen der eigenen Partei zu verprassen – und natürlich die Bildung. Und kostenlose Kitas. Und kostenloses Studium. Für alle natürlich.

Da will ich ein paar Gegenvorschläge aus der Reihe „gesunder Menschenverstand“ dagegenstellen. Sozialpolitisch intelligent wäre z.B. eine Senkung des verminderten Mehrwertsteuersatzes auf – radikale Idee – 0%. Natürlich bei gleichzeitiger Entschlackung der Liste der Dinge, die mit dem verminderten Satz belegt sind. Es gibt keine gute Begründung dafür, warum z.B. ausgerechnet Schnittblumen, Pferde, Zeitungen, Zeitschriften, Düngemittel, Kaffee und Tee unter den Ausnahmen zu finden sind.

Absolut unverzichtbar ist ein Ende des Effekts der sogenannten „kalten Progression“. Dadurch, dass die Inflation das Geld immer weiter entwertet, nominell aber die Steuersatzkurve unverändert bleibt, rutschen die Einkommensteuerzahler immer weiter nach oben bei der Progressionskurve. Höchst unfair. Mein Vorschlag: Ende der unterschiedlichen Steuersätze, den Effekt der progressiven Steuer erreicht man ja allein schon durch einen Grundfreibetrag. Den würde ich im Gegensatz kräftig erhöhen. Und jedes Jahr entsprechend der Inflationsrate automatisch erhöhen. Der Steuersatz sollte bei maximal 35% liegen. Da müssen die Ideologen natürlich erst mal kräftig schlucken, sollten aber bedenken, dass nach ihrer Ansicht die Reichen ja eh keine Steuern zahlen – entlastet würde also der brave Steuerzahler und nicht „die Reichen“. Ich lasse mal unhinterfragt, woher dieses Feindbild der „Reichen“ überhaupt kommt.

Dann würde ich gerne bei den Kapitalerträgen eine Freistellung der Inflation sehen. Es kann nicht sein, dass der Bürger Steuern auf Erträge bezahlt, die er faktisch gar nicht zur Verfügung hat. Nicht zuletzt deshalb, weil der Staat selbst Inflationstreiber Nummer Eins ist.

Bei der Erbschaftsteuer könnte man übrigens auch bequem reformieren. Wer sich mit den Details der Ausgestaltung dieser Steuer befasst, verliert schnell den Glauben an Steuergerechtigkeit. Ausgewürfelte Freibeträge, willkürliche Einteilung in Steuerklassen, beliebige Steuersätze. Dazu ultrakomplexe Regelungen für die Bewertung von Betriebsvermögen. Und das alles für ein Steueraufkommen von gerade mal 7 Mrd. Euro in 2016 – das ist übrigens die Summe aus Erbschaft- und Schenkungsteuer! Wenn Bürger und Politiker ihren Neidkomplex in den Griff bekommen würden, gäbe es eine sehr einfache Reform: einfach die Steuer komplett abschaffen. Am Ende würde das vermutlich sogar volkswirtschaftlich gesehen effizienter sein, weil sich kein potenzieller Steuerzahler mehr Gedanken über Steuervermeidungsstrategien machen muss. Und die Politik muss nicht ständig neue merkwürdige Reformen zimmern, um noch mehr Einzelfallgerechtigkeit zu schaffen. Und dem Bundesverfassungsgericht bliebe so manche Verhandlung erspart.

Ein Ende der Planwirtschaft im Energiebereich wäre auch eine sehr einfache Methode, dem berühmten „einfachen Bürger“ wieder Luft zum Atmen zu geben – weg mit der Zwangseinspeisung des Zappelstroms, weg mit den Einspeisevergütungen. Das geht jetzt natürlich über das Steuerthema hinaus. Aber Steuern und Abgaben haben eben eines gemeinsam: sie steigen unaufhörlich. Wenn Politiker bei den Sparvorschlägen ähnlich kreativ wären wie bei den Ausgaben, wir hätten deutlich weniger Probleme.

Und ich hätte da noch einen guten Sparvorschlag zum Abschluss: Ende der staatlichen Finanzierung der diversen NGOs. Dass NGOs wie Greenpeace den Status eines eingetragenen Vereins haben dürfen, ist lächerlich.

Absolute Mindestforderung: Verwendung der kompletten Mehreinnahmen zur Schuldenreduzierung. Obwohl der Staat die letzten Jahre von Rekord zu Rekord bei den Steuereinnahmen eilte, passierte an der Schuldenfront wenig. Deutschland ist immer noch extrem hoch verschuldet, und die langfristigen Wachstumsaussichten sind aufgrund von Demographie, Flüchtlingsproblematik, Migrationskosten und des drohenden Platzens diverser Blasen eher wenig vielversprechend.

Am Ende noch etwas, was mir auf dem Herzen liegt: manche Kommentare legen ein geradezu abwegiges Verständnis des Bürgers zum Staat nahe. Nach dem Motto: dem Staat gehört erst mal alles, was erwirtschaftet wird, und überlässt aus reiner Nächstenliebe dem Steuerzahler noch etwas für den Eigenbedarf. M.E. gäbe es nur ein Mittel, den Staat dazu zu zwingen, endlich mal Ausgaben mit Verstand zu tätigen: radikale Steuersenkung gepaart mit absolutem Verschuldungsverbot. „Starving the Beast“ hieß das mal bei Ronald Reagan, dem vermutlich weltweit letzten Staatenlenker, der wirklich liberale Steuerpolitik gemacht hat.

Update am 2017-07-01 – kleine Ergänzungen und Anpassung weniger Formulierungen. Ein Satzende fehlte komplett.

Lehren aus der Solarworld-Insolvenz

Spiegel ONLINE meldet die anstehende Insolvenz von Solarworld. Irritierenderweise mit viel Fokus auf Frank Asbeck, womöglich wegen der empfundenen Schadenfreunde – das ist partiell verständlich, hat Asbeck doch in der Vergangenheit reichlich Sprüche geklopft, die man ihm heute genüsslich wieder unter die Nase reiben kann.

Nun hat Asbeck sicher seine Schäfchen im Trockenen, was vermutlich für die Angestellten von Solarworld nicht unbedingt gilt, aber das ist ja auch keine neue und interessante Erkenntnis.

Stattdessen will ich ein paar Lehren aus dieser Pleite festhalten, die zwar auch nicht unbedingt neu und spannend sind, aber mir ist gerade danach, diese trotzdem festzuhalten. Ätsch.

Lehre 1: Subventionen helfen nix und kosten nur. Man erinnere sich an die „Gründerzeit“ des EEG – Photovoltaik wurde mit absurd hohen Einspeisevergütungen belohnt, viel höher als andere Arten der „erneuerbaren“ Stromerzeugung. Das hat zurecht nie jemand verstanden, aber was sind schon ein paar Millarden unter Freunden. Zu Anfang haben die beteiligten politischen Parteien ja auch noch das große Jobwunder als Rechtfertigung für die Subventionitis in Aussicht gestellt – nichts gelernt aus dem Fiasko der Förderung des Steinkohlebergbaus, wobei hier ja immerhin noch das Argument von Autarkie und Versorgungssicherheit halbwegs valide war.

Lehre 2: Produktion von Low-Tech ist in Deutschland kein valides Geschäftsmodell. Mit seiner immensen Regulierungsdichte neben hohen Umweltauflagen und absurd teurer Energie nebst Importnotwendigkeit der meisten Rohstoffe kombiniert mit hohem Lohnniveau und ebensolchen Lohnnebenkosten ist Deutschland international nicht konkurrenzfähig. Dasselbe Problem wird sich übrigens auch bei der Akkuzellenproduktion für Elektroautos manifestieren. Naja, das Beispiel von Li-Tec steht ja schon mahnend im Raum.

Lehre 3: Hochmut kommt vor dem Fall. Fragen Sie Frank Asbeck, wenn daran Zweifel bestehen.

Lehre 4: Wenn man die richtigen Experten fragt, kann man sich solche Irrwege sparen. Schon in der Anfangszeit des EEG haben Experten vorhergesagt, dass die lokale Produktion von Solarzellen kein Dauergast in diesem Land sein würde. Ich auch, aber mich fragt ja eh keiner.

Lehre 5: Man kann nicht dauerhaft gegen den Markt agieren, auch wenn Politiker das noch so häufig versuchen. Das ist sozusagen die Generalisierung von Lehre 1.

Nochmal zur Wahl im Saarland

Der Blätterwald rauschte heftig nach dem weitgehend überraschenden Wahlergebnis im Saarland. Viele Theorien wurden aufgestellt. Über das Ausbleiben des Schulz-Effekts (wobei die SPD gegenüber früheren Umfragen ja durchaus deutliche Zugewinne verzeichnet hatte – es ist also eher eine schwache Hypothese, dass der Schulz-Effekt tatsächlich ausgeblieben sei). Über die möglicherweise wahlentscheidende Unbeliebtheit von Rot-Rot(-Grün). Über den Absturz der Grünen. Über das Ausbleiben des FDP-Wunders.

Einig waren sich viele, dass die Beliebtheit von und Zufriedenheit mit der Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer zum hohen CDU-Ergebnis signifikant beigetragen hat.

Dann aber wurde es oft abstrus in der Berichterstattung: angeblich sei der Saarländer besonders zufrieden damit, dass die Ergebnisse stimmen und geräuschlos regiert wird. Hallo? Im Bundesland, wo Oskar Lafontaine buchstäblich jahrzehntelang mit absoluter Mehrheit regiert hat? Der Schaumschläger vor dem Herrn mit gleichzeitig katastrophalen Ergebnissen in Sachen Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Verwaltung? Der Oberpopulist unter den Populisten, der es heute mit einem wahrlich gruseligen ultralinken Programm im Saarland immer noch auf zweistellige Prozentzahlen bei Wahlen kommt? Nein, die These vom vernünftigen saarländer Wähler trägt nach allem was wir aus der Vergangenheit wissen überhaupt nicht.

Höhepunkt der schwachsinnigen Hypothesen: Annegret Kramp-Karrenbauer sei eine Art Mini-Merkel, und deshalb stünden die Chancen für eine Wiederwahl Merkels im September auch sehr gut. Nun, ich befürchte auch, dass wir nochmal vier Jahre Merkel ertragen müssen, aber das liegt nicht daran, dass es so viele Gemeinsamkeiten mit der saarländischen Ministerpräsidenten gibt. Allein die Tatsache, dass sie erst knapp über 5 Jahre im Amt ist und deshalb der „Fresse-Voll-Effekt“ noch nicht durchschlagen kann. Und Frau Kramp-Karrenbauer gilt ja auch als erfolgreich regierend – das kann Frau Merkel auf keinen Fall für sich reklamieren: vom ESM über die Energiewende bis zur Flüchtlingsproblematik hat sie mehrfach nachgewiesen, dass sie katastrophale Entscheidungen am Fließband fällt. Dazu das freundliche Durchwinken allerlei Schwachsinnsreformen der SPD – man denke nur mal an die Rente mit 63.

Ich warte noch auf den Tag, an dem der CDU wieder einfällt, was denn mal die Grundsätze ihrer Politik waren.

Eine Theorie zum Wahlergebnis im Saarland

Das Saarland hat gewählt. Das kleinste nicht-Stadtstaat-Bundesland, das gerne als Größenvergleichsmaß verwendet wird, wenn Fußballfelder zu klein sind („ein Ölteppich dreimal so groß wie das Saarland“).

Das Ergebnis ist schon überraschend. Wobei, so richtig überrascht es ja nicht mehr, wenn die Demoskopen katastrophal daneben liegen, aber es ist ja immer spannend in welche Richtung der Irrtum geht (bitte Nachtrag beachten). Die CDU stark, die SPD schwach (gegenüber den letzten Umfragen) und stark (gegenüber den Umfragen, die schon länger her sind), die Linken getragen vom saarländisch-speziellen Oskar-Wahn, die Grünen deutlich draußen, die FDP noch deutlicher draußen, die AfD überraschend schwach.

Viele Interpretationen habe ich gehört. Die SPD soll nicht Deutschland schlecht reden, das geht nach hinten los. Der Wähler wollte GroKo und nicht Rot-Rot(-Grün). Die AfD hat schwach abgeschnitten, weil die Linkspartei die Protestwähler aufgefangen hat.

Alles soweit plausibel. Aber ich denke, es gibt noch einen anderen Einflussfaktor. Der klassische konservative CDU-Wähler, seit den Eskapaden von Angela Merkel eher zur AfD tendierend, hat sich ein letztes Mal – es war ja „nur“ Landtagswahl – aufgerafft und hat nicht die AfD gewählt, sondern die CDU, weil die die einzige Option contra Rot-Rot(-Grün) war. In Anbetracht der Tatsache, dass die große Koalition relativ effizient und geräuschlos regiert hat, halte ich diesen Erklärungsansatz für mindestens ebenso plausibel. Man wählt das vermeintlich kleinere Übel. Vielleicht gab es sogar einige vormalige Grünen- und FDP-Wähler, die diesmal ihr Kreuz bei der CDU gemacht haben? Anders ist der komplette Untergang der beiden Parteien ja kaum zu erklären.

Ob sich die CDU bei der Bundestagswahl auch auf diese Wählergruppe verlassen kann? Mal sehen, was die Flüchtlingsproblematik bis zum Wahlabend so macht. Und ob Angela Merkel dasselbe Schicksal blüht wie 1998 Helmut Kohl („Hauptsache Kohl ist weg“). Aber vielleicht erinnert man sich ja noch an die 4 ersten Chaosjahre unter Rot-Grün? Erst die zweite Kanzlerschaft von Schröder war ja wirklich von sinnvollen Reformen geprägt (genauer gesagt, nur einer einzigen halbgut-aber-besser-als-nix-Reform namens Hartz IV).

Es bleibt spannend.

Nachtrag

Tatsächlich hatte die letzte Umfrage vor der Wahl der Forschungsgruppe Wahlen die Stimmung gar nicht so schlecht eingefangen (Umfrage-Übersicht siehe hier). CDU etwas unterschätzt, SPD etwas überschätzt, Linkspartei und AfD ziemlich getroffen, und Grüne und FDP sicher draußen. INSA hingegen…eher nicht so gut, obwohl in einem ähnlichen Zeitraum.

Über Feinstaub, Fahrverbote und Fehlanreize

Es geht doch nichts über eine saubere Alliteration im Titel. Bitteschön, lieber Leser. Gern geschehen. Mein Deutschlehrer wäre stolz auf mich.

Aber das soll (überraschenderweise) nicht das Thema sein. Sondern es soll mal wieder um das heilige Blechle gehen. Wie es aussieht, ist das bei Feinstaubalarm in Stuttgart angedachte Fahrverbot für bestimmte dieselbetriebene Fahrzeuge nun in trockenen Tüchern. Alles bis einschließlich Euro 5 ist betroffen. Wie es momentan aussieht, gilt das Fahrverbot nur für bestimmte stark schadstoffbelastete Straßen.

Alles an dieser Idee erscheint falsch. Diesel mit Partikelfilter (und damit viele schon mit Euro 4, definitiv alle ab Euro 5) erzeugen praktisch keinen Feinstaub (jenseits der üblichen Fahrzeugquellen wie Reifen- und Bremsenabrieb natürlich). Ganz im Gegensatz zu heutigen Benziner-Direkteinspritzern, die erst ab der kommenden Euro 6c-Norm überhaupt irgendwelche Feinstaub-Grenzwerte (früher hieß das übrigens noch Ruß) einhalten müssen.

Unbeachtet bleibt auch die Tatsache, dass die RDE (Real Driving Emissions) bei den einzelnen Fahrzeugen – oft sogar bei unterschiedlichen Modellen desselben Herstellers – sich gravierend unterscheiden. Ginge es wirklich um saubere Luft, warum nicht die sauberen Fahrzeuge zulassen und die schmutzigen Fahrzeuge aussperren? Wenn man das Verbot kontrollieren will, muss man doch sowieso entweder individuell eine Plakette zuteilen oder individuell prüfen. Es spräche also nichts gegen eine auf Tatsachen basierende Regelung anstatt eine willkürliche. Und komme mir keiner mit erhöhten Verwaltungskosten. Die volkswirtschaftlichen Kosten für diese sinnlose Maßnahme sind doch auch gravierend.

Besonders ärgerlich fand ich die Einlassung diverser Politiker, dass die Entscheidung doch früh genug kommt, damit sich jeder drauf einstellen kann. Mit einem Federstrich wurden die Restwerte der betroffenen Diesel-Fahrzeuge vernichtet, und man räumt den Bürgern eine grandiose Vorlaufzeit von etwa einem Jahr ein und findet sich toll dabei. Was denkt denn so ein Politiker, wie alt das durchschnittliche Fahrzeug des Privatmanns ist? Was das für eine Investition bedeutet?

Noch bitterer: durch jahrzehntelange Fehlanreize ist die Politik Hauptschuldiger sowohl am hohen Dieselanteil als auch an sinnlosen Abgasnormen als auch am Aufkommen downgesizeder aufgeladener Direkteinspritzer-Benziner. Man erinnere sich nur an die völlig sinnlose Änderung der KfZ-Besteuerung mit dem CO2-Anteil auf Basis des NEFZ. Dabei gab es doch schon eine perfekte CO2-Besteuerung, die nicht auf Prüfstandverbräuchen basiert, sondern den Realverbrauch automatisch und hochgenau berücksichtigt – nennt sich Mineralölsteuer, und gibt es schon länger. Wenn CO2-Besteuerung als sinnvoll erachtet wird, hätte man einfach den Steuernachteil des Benzins gegenüber des Diesels auf den Kohlenstoffgehalt des jeweiligen Kraftstoffes normieren können (besonders penible Naturen hätten noch den unterschiedlichen Energieaufwand in der Raffinerie berücksichtigt) und man hätte die perfekte, faire CO2-Steuer gehabt. Na gut, der Durchschnittspolitiker hätte natürlich die Steuer auf Diesel erhöht und nicht die Steuer auf Benzin gesenkt – es scheint ja eine Art Naturgesetz in Deutschland zu sein, dass die Steuerlast immer steigen muss und niemals sinken darf.

Die Bemühungen zur Senkung des CO2-Ausstoßes des Verkehrs waren ja vermutlich der Grund, warum die Politik jahrelang die Autofahrer animiert hat, sich für den Diesel zu entscheiden. Tja, schade, wer auf Politiker hört ist eben selbst schuld. Nachdem ja seit neuestem Stickoxide zum Ultragift ausgerufen wurden (wer mal lachen will, vergleicht die MIK/MAK-Grenzwerte, die auf echter Wissenschaft basieren, mit den EU-Luftschadstoffgrenzwerten), hätten Dieselfahrzeuge schon seit Jahrzehnten aus dem Verkehr gezogen gehört. Für diese Idee hatte aber wohl beim Wettbewerb „Schadstoff des Monats“ gerade keiner Zeit. Die nächste Sau wartete, die durchs Dorf getrieben werden musste.

Am Ende wie immer der Hinweis: es gibt einfache, preiswerte Möglichkeiten, die Feinstaubkonzentration zu senken. Vermeidung von Stop&Go durch ausreichenden Straßenbau zum Beispiel. Fahrbahnbewässerung zum Binden der Stäube. Einsatz von speziellen Kehrmaschinen. Ein Ende der Holzfeuerung zu Heizzwecken. Oder sogar allgemein der Biomasseverfeuerung. Und am Ende natürlich: sinnvolle, gefahrenorientierte Grenzwerte, und nicht irgendwelche Phantasiegrenzwerte, die die Idee eines Vorsorgegrenzwertes schon lange karrikieren. Teilweise war ja schon die Rede davon, dass die Feinstaub- und Stickoxid-Grenzwerte immer weiter zu sinken haben, weil jede beliebige Dosis ein unverantwortliches Gesundheitsrisiko darstelle. Tja, wenn die Vernunft mal ausgeschaltet ist und die Ideologen das Zepter schwingen, ist eben alles verloren, und beliebig kleine Risiken werden mit beliebig großen Mengen Geld bekämpft. Siehe auch: Klimawandel in Deutschland. Oder die Strahlenschutzgesetze, wo die erlaubten Dosen ja auch ausgewürfelt wurden und auf keinerlei wissenschaftlicher Basis stehen.

Und auch der Hinweis, dass wir seit den 80ern ständig sinkende Schadstoffkonzentrationen genießen, sollte man ab und an mal erwähnen – man hat ja oft das Gefühl, dass irgendwie alles schlimmer geworden ist. Das Gegenteil ist der Fall.

Ich lehne mich zurück, beglückwünsche mich zur Entscheidung einen Saugrohreinspritzer-Benziner mit Euro 6 gekauft zu haben (gerne auch mit dem Titel „Luftreinigungsgerät“ bedacht, da im Innenstadtverkehr die angesaugte Luft schmutziger ist als das, was hinten rauskommt) und schaue dem Tollhaus weiter zu. Politikverdrossenheit hat viele Gründe. Unlogische, aktionistische Politik ist einer davon.

Wer tiefer in die Materie einsteigen will, findet hier mehr Material: bei Tichys Einblick, bei Science Skeptical, bei Bild der Wissenschaft. Aber Vorsicht. Wissen sorgt hier eindeutig für irgendwas zwischen Verdruss und Verzweiflung.

Die Stimme der Vernunft

Brexit-Diskussionen sind oft merkwürdig. Mitdiskutanten, die sonst ganz vernünftige Ansichten pflegen, vertreten plötzlich ganz komische Ansichten. Könnte aber auch sein, dass die dasselbe von mir denken.

Und so bin ich froh, wenigstens Professor Sinn auf meiner Seite zu haben. Unbedingt lesen. Manchmal ist Presse doch noch Qualitätspresse.

Das Elektroauto-Update 2017

Ab und zu hat sich dieser Blog schon mit Elektroautos beschäftigt (z.B. hier, hier und hier) und eine eher skeptische Grundhaltung bezüglich der Ziele der Bundesregierung (1 Mio. E-Autos bis 2020) und der Prognosen diverser Marktbeobachter geäußert. Das lag vor allem daran, dass lange Zeit die Luxusmodelle von Tesla die einzigen akzeptablen Elektroautos bezüglich Reichweite und Ladezeit am Markt waren. Und da es eben Luxusautos waren, kosteten sie Luxuspreise.

Jetzt wurden gerade diverse Testberichte zum Opel Ampera-e (z.B. hier bei AMS oder hier bei Focus Online), der europäischen Version des Chevrolet Bolt veröffentlicht. Das erste Elektroauto, das einigermaßen anständige Reichweite (400-500km, je nach Testzyklus) mit erträglichem Preis kombiniert. Zusammen mit dem Model 3 von Tesla (dort hofft man auf erste Auslieferung noch in 2017, aber vermutlich erst mal nur in den USA) gilt der Opel Ampera-e als neuer Benchmark im Bereich Preis/Leistung. Höchste Zeit also für eine neue Einschätzung der Lage.

Eines hat sich grundsätzlich nicht geändert: entscheidend sind Preis, Akkukapazität und Ladezeit. Zum Preis gibt es noch nichts genaues, Opel peilt rund 40000€ an, ob vor oder nach Abzug der 4000€ staatlicher Förderung ist noch unklar. Die Akkukapazität soll bei nutzbaren 60 kWh liegen, was für realistische 350-400km Reichweite reichen sollte. Als Lademöglichkeit gibt es CCS mit bis zu 50kW Leistung, Schuko für die heimische nicht aufgerüstete Garage mit 2kW und Drehstrom-Wallbox bis etwa 7kW für den, der ein paar Euro in die heimische Lademöglichkeit investieren will.

Gehen wir also davon aus, dass der Preis irgendwo bei 40000€ landen und der Verbrauch vermutlich bei minimal 15 kWh/100km liegen wird. Der Ampera-e hat Maße und Platzangebot eines Kompaktklassenwagens, also vergleichen wir ihn mal mit einem Standard-Astra-Benziner – besser gleich als Sports Tourer. Den gibt es ab etwa 19000€ mit 105PS in der Basisausstattung, die aber immerhin von der Klimaanlage bis zu den elektrischen Fensterhebern durchaus ausreichend ist. Aber man will ja kein Sparbrötchen. Für etwa 22000€ gibt es dann 125PS und Radio nebst Farbbildschirm und Handy-Connectivity mittels IntelliLink, Lenkradfernbedienung, Tempomat und Parksensoren. Der Verbrauch ist mit 5l/100km angegeben, wird also in der Praxis so bei 6l/100km liegen. Die ausstattungsbereinigten Preise kann man erst vergleichen, wenn es mehr Infos zum Ampera-e gibt.

Und damit wird das Dilemma der Elektroautos auch im Jahre 2017 deutlich: für die gebotene Leistung sind sie schlicht viel zu teuer. Und die laufenden Treibstoffkosten sind bei der Elektrovariante eben auch nicht so viel günstiger, um innerhalb der Lebensdauer des Fahrzeuges von sagen wir mal 200000km da sowas wie Amortisation zu erreichen. Denn die optimistischen 15 kWh/100km liegen ja auch schon bei 4,50€ ab Haussteckdose (und Unterwegs-Steckdosen sind oft deutlich teurer), da ist der Benziner mit 7,80€ selbst bei der heutigen Steuerüberbelastung von Benzin gegenüber Strom nicht wesentlich teurer. Auf 200000km summieren sich diese 3,30€/100km eben nur auf 6600€. Wie gesagt, das ist das optimistische Szenario für die Elektroautos – ich erwarte unter anderem dank der Energiewende einen schneller steigenden Strompreis als Benzinpreis, und die Politik wird auf jeden Fall die Steuerlast beim Strom nach oben anpassen, denn wann hat der Staat schon mal auf Einnahmen verzichtet?

Bei dieser Rechnung sind die üblichen Probleme der Elektroautos wie verhältnismäßig geringe Reichweite und lange Ladezeit noch gar nicht berücksichtigt. Wer beispielsweise glaubt, er könne die Karre mal schnell über Nacht in der Garage vollständig laden, sollte nochmal nachrechnen: bei der Schuko-Ladevariante dauert eine vollständige Ladung über 30 Stunden. Die Idee, dass es beim Elektroauto kein Problem mit der Lade-Infrastruktur gibt, weil es ja überall Steckdosen hat, ist einfach praxisuntauglich. Und die Idee, den Akku in den Autos für den Ausgleich von Netzschwankungen heranzuziehen, ist an Absurdität kaum zu überbieten – man braucht jede Sekunde Ladezeit, um das Dingens vollzumachen, wer käme auf die Idee den mühsam eingesackten Strom per Entladung wieder abzugeben?

Um eine akzeptable Ladezeit zu erreichen, braucht es dedizierte Ladestationen. Die gibt es beispielsweise bei Aldi – immerhin eine ganze Ladestation pro Riesenparkplatz. Man wünscht sich unwillkürlich, dass es möglichst wenig Elektroautos geben sollte, damit man auch hinreichend sicher eine freie Ladestation erwischt. aber dann ist es ja doch nicht so schlimm: es wird mit maximal 22kW geladen, nach dem 15-Minuten-Einkauf hat es also für immerhin 40 km zusätzliche Reichweite gereicht. Wow. Aber immerhin kostenlos. Die Kosten für Aldi tragen schließlich alle, die dort einkaufen. Hat irgendjemand „Schnorrer“ gesagt? Nachdem man dem Steuerzahler schon 4000€ E-Auto-Prämie aus dem Kreuz geleiert hat, kommt es darauf nun wirklich nicht an.

Wie den Ausführungen zu entnehmen ist, wird auch der andere Hoffnungsträger in der Fast-Brot-und-Butter-Klasse, der für Ende 2017 erwartete Tesla Model 3, an diesen Tatsachen nicht vorbei kommen. Zu teuer, zu leistungsschwach, zu viele Einschränkungen. Ich wiederhole meine Einschätzung, dass es sinnvolle Elektromobilität nur mit Plug-In-Hybridfahrzeugen geben wird (sofern nicht eine revolutionäre Entwicklung bei den Akkus einsetzt). Ausreichend Reichweite für den täglichen Bedarf, aber kurze Standzeiten bei Langstreckenfahrten sowie Sparpotenzial im Benzinbetrieb durch Rekuperation und Lastverschiebung. Ein heutiger Toyota Prius kann ohne Nutzung von Plugin-Strom unter 4l/100km gefahren werden. Das verschiebt die Amortisation des reinen Elektroautos ins Unendliche.

Schlechte Aussichten für reine Stromer. Obwohl, wann war denn „sinnvoll“ je ein Kriterium beim Autokauf?