Der Zusammenhang zwischen Leistung, Energie, Kapazität und Qualitätsjournalismus

Ein Ärgernis seit vielen Jahrzehnten ist die komplette Unfähigkeit von Journalisten, beim Thema Stromversorgung die Parameter “Leistung” und “Energie” auseinanderzuhalten. Meist äußert sich das im wilden Durcheinanderwerfen von Watt und Wattstunden, im Kraftwerksmaßstab also meist MW und kWh.

So auch das Pioneer Hauptstadt-Briefing vom Freitag, wo folgende Aussagen im Rahmen des völlig berechtigten Hinweises “ohne Speicher funktioniert die deutsche Energiewende nicht” getätigt wurden: “Bis 2030 gehen etwa die Forscher vom Fraunhofer ISE von einem Bedarf für Batteriekapazitäten in Höhe von rund 50 Gigawatt aus.” und “Mit der aktuellen Geschwindigkeit aber würden bis dahin keine zehn Gigawatt erreicht werden” und “Kyon ist der deutsche Marktführer für den Bau und Betrieb von Batteriegroßspeichern. Und dabei, die Marke von einem Gigawatt Speicherkapazität zu überspringen.” Die drei Zitate sind zusammengenommen ungefähr so dumm, wie wenn man bei einem Windpark schreibt “versorgt 50000 Haushalte” – in Wahrheit versorgt ein Windpark in Ermangelung von Stromspeichern genau 0 Haushalte.

All das zeigt, dass Journalisten nicht mal den Wissensstand von Mittelstufen-Physik (8. Klasse) verinnerlicht haben. Was per se schon traurig wäre, selbst wenn sie nicht Artikel über Themen der Energiewende und der Stromversorgung schreiben würden. So ist es höchst ärgerlich und zeigt die Dringlichkeit, den Durchschnittsjournalisten endlich durch einen KI-Bot zu ersetzen. Denn schlechter kann die Qualität nicht werden, egal ob es um Faktentreue oder logische Zusammenhänge oder Rechtschreibung und Grammatik geht.

Damit die Leser hierzublogs noch wenigstens ein paar gewinnbringende Erkenntnisse außer dem wohlbekannten “Presse und Rundfunk sind qualitativ großer Mist und kann weg” mitnehmen kann, hier mal ein paar Größenordnungen und Überschlagsrechnungen zum Thema Strom.

Ein wichtiger Parameter des Stromverbrauchs hierzulande ist die Lastspitze. Man muss regelmäßig mit einem Bedarf von rund 75 GW Leistung rechnen, man braucht also in Summe konventionelle Kraftwerke, die diese 75 GW stemmen können – denn bei der gefürchteten Dunkelflaute machen PV und Windkraft bekanntlich synchron schlapp, auch wenn inzwischen dank der irrsinnigen Subventionen die installierte Leistung (die Summe aller Erzeugungskapazitäten) in Deutschland bei inzwischen 220 GW liegt – zu schlechten Zeitpunkten wie “bewölkter Schwachwindtag” oder “schwacher Wind nach Sonnenuntergang” ist es kein seltenes Ereignis, dass die summarische Produktion aus PV und Wind unter 2 GW liegt – 2 GW aus 220 GW, Respekt. Bezüglich Netzstabilität: die einigermaßen zuverlässigen Erzeuger Steinkohle, Braunkohle, Gas, Öl, Wasser und Biomasse liegen in Summe bei 85 GW, zusammen mit der Netzkopplung im europäischen Verbundnetz mit etwa 30 GW Potenzial sind wir hier also noch auf der sicheren Seite. Übrigens ist die Spitzenlast über die Jahrzehnte deutlich gesunken, Mitte der 90er galt “95 GW” als Worst-Case-Winterabend-Spitze noch als Maßstab. Heute hat man im Tagesverlauf überwiegend eine Mittagsspitze zwischen 11:00h und 14:00h, und im Herbst bis Frühjahr eine Abendspitze von etwa 17:00h bis 19:00h. Wie sich das in Zukunft mit Weiterverbreitung von Wärmepumpen, Klimaanlagen und Elektroautos entwickelt ist schwer vorherzusagen. Wenn 20 Millionen Elektroautos über Nacht am Strom hängen, braucht man schon ein vernünftiges Lastmanagement, und auf Schnellladung sollte verzichtet werden – selbst an einer mickrigen 11kW-Wallbox, die bei heute gängigen Akkugrößen schon 6h zum Vollladen braucht, würde sich der Leistungsbedarf im Netz im Szenario “alle wollen laden” auf 220GW summieren. Gott sei Dank ist die durchschnittliche tägliche Fahrleistung nur bei knapp 40km, also müssen nur – je nach Fahrzeug – irgendwas zwischen 6 und 10 kWh nachgeladen werden.

Ein weiterer wichtiger Parameter ist der Jahresstromverbrauch. In den 80ern rechnete man noch mit in Summe 650 TWh, inzwischen bewegt sich das eher in Richtung 500 TWh (Deindustrialisierung sei Dank, und auch LED-Leuchten statt Glühlampen haben einen nicht zu verachtenden Anteil). Tendenz gleichzeitig steigend und sinkend – steigend wegen Wärmepumpe (aka “Heizen mit Strom”) und Elektromobilität, sinkend wegen der Abwanderung der industriellen Produktion.

Welchen Beitrag leisten die erneuerbaren Energien PV und Windkraft, die ja in Zukunft das Rückgrat der Stromversorgen bilden sollen? Es schwankt. An einem typischen Sommertag liegt Windkraft irgendwo zwischen 1 GW und 35 GW, PV zwischen 0 GW und 45 GW (wenn es sonnig ist) bzw. 15 GW (wenn es bewölkt ist). Kurz gesagt: man braucht Speicher, oder weiterhin einen kompletten konventionellen Kraftwerkspark und verabschiedet sich von der CO2-Neutralität, die hierzulande ja je nachdem wen man fragt zwischen 2040 und 2050 Realität sein soll. Auch wichtig zu wissen: 2022 lag die installierte Leistung aller PV-Anlagen in Deutschland bei rund 60 GW, die der Windkraftanlagen (onshore und offshore) ebenfalls. Wer sich jetzt wundern, warum wir nicht viele Tage im Jahr haben, wo Wind und Sonne unseren kompletten Strombedarf decken können: das hängt mit dem miserablen Jahresnutzungsgrad dieser Anlagen zusammen. Das Jahr hat bekanntlich 8760h, und bei PV-Anlagen liegt die Zahl der sogenannten Jahresvolllaststunden nur bei 1000, bei Wind etwa bei 2000 (offshore etwas mehr, aber wir haben in Deutschland einen deutlichen Onshore-Überhang).

Schlagen wir den Bogen zurück zum Ausgangspunkt – Stromspeicherung in großen Batteriespeichern. Beispielsweise gibt es da schlüsselfertige Anlagen mit dem schönen Namen “Megapack” von Tesla, wo jeder auf der Homepage nachlesen kann, was denn so ein Dingens so kostet. Speichert etwa 4 MWh und schafft je nach Konfiguration eine Leistung von 1 MW oder 2 MW. Anschaffung: grob 1,8 Mio US$ netto pro Stück (inklusive Installation in Kalifornen – Alaska ist “etwas” teurer, für Europa kenne ich keine Zahlen), wenn man gleich mal 100 Stück ordert. Lebenserwartung 20 Jahre. Mit Wartungsverpflichtung zu 0,5 Mio US$ jährlich. Machen wir eine kurze Überschlagsrechnung und gehen wir davon aus, dass wir nur auf Tagesebene puffern müssen und keinerlei Redundanz vorhalten wollen. Erst mal die Netzlast absichern: 75 GW kosten dann rund 70 Mrd. US$. Das kauft gleichzeitig eine Speicherkapazität von etwa 150 GWh. Bei 500 TWh im Jahr liegt der Tagesverbrauch bei gemittelt 1,4 TWh – oops, das wird dann wohl nicht reichen, also nochmal Faktor 10 draufschlagen (und das ist eine wichtige Erkenntnis – Leistung ist nicht unser Problem, sondern Kapazität bzw. Energie). 700 Mrd. US$. Speicherwirkungsgrad ist auch noch zu berücksichtigen, der liegt natürlich nicht bei 100%, Tesla gibt etwa 90% an (für den gesamten Lade-Entladezyklus – ob dabei der Stromverbrauch des Akkutemperaturmanagements schon inkludiert ist, weiß ich nicht). In der Praxis ist das Problem natürlich viel größer, denn es gibt durchaus Wochen im Jahr, wo Wind und Sonne kombiniert sehr wenig Ertrag bringen – grob gesagt zwei Wochen Stromverbrauch sollte so ein Stromspeicher deutschlandweit schon puffern können, denn den Mittelwert abzudecken bringt bei einem Stromnetz naturgemäß nichts, man muss leider für den Worst Case gewappnet sein. 10 Billionen US$ ist doch mal eine runde Summe, aber ob die reicht – unklar. Müsste man mal eine anständige Simulation mit den Erzeugerwerten der letzten 20 Jahre durchführen. Ein wenig abgemildert wird die Misere immerhin durch Biomasse und Wasserkraft, aber nicht wesentlich. Es sei denn, man will die “Vermaisung der landwirtschaftlichen Nutzfläche” extrem ausweiten und damit alle Bemühungen um Umwelt- und Naturschutz in den Wind schlagen. Und wer will schon Nahrungsmittel anbauen, Energiepflanzen sind doch viel wichtiger.

Jetzt verbinden wir die Erkenntnis “Kosten Stromspeicherung” noch mit “Jahresvolllaststunden PV und Wind”. Selbst ohne Speicher, und wenn wir mal Wind mit 2000 Volllaststunden ansetzen und alles durch Wind abdecken wollen – 500 TWh – also 500000 GWh – müssen eben allermindestens erzeugt werden. Macht eine installierte Leistung von 250 GW Windkraftanlagen. Wie gesagt: gerade sind wir bei etwa 60 GW, und die guten Standorte sind ja weitgehend belegt. Da gewinnt der Satz von der “Verspargelung der Landschaft” doch gleich eine gewisse Nachdrücklichkeit. Konsequent weitergerechnet bräuchte es demzufolge 500 GW installierte PV um dasselbe Ergebnis zu erreichen. Man hofft instinktiv, dass Deutschland in Zukunft seinen Strom hauptsächlich aus dem Ausland beziehen wird. Verschiedene Szenarien bezüglich Deutschlands zukünftiger Stromversorgung gehen übrigens von schlappen 200 TWh Stromimport aus – warum wohl.

Ich will nicht mit weiteren Überschlagsrechnungen langweilen, es sollte inzwischen klar geworden sein: es wird teuer. Sauteuer. Noch viel viel teurer als es jetzt schon ist. So teuer, dass ein Irrsinn wie das Habeck’sche Heizungsgesetz wie ein unbedeutendes preiswertes Kleinkleckerleswerk aussieht. Es sollte sich nun keiner mehr wundern, dass der Rest der Welt hauptsächlich auf wahlweise Klimaschutz-Lippenbekenntnisse oder Kernenergie setzt.

Die gute Nachricht: weil es so irrsinnig teuer wird, ist es recht unwahrscheinlich, dass wir 2040 tatsächlich 500 TWh Stromverbrauch haben werden. Durch die dann zwingend erfolgte großflächige Verarmung der Bevölkerung und der Vernichtung von Industrie und Dienstleistungssektor werden 200 TWh sicher reichen – willkommen in der dritten Welt, Deutschland. Oder um ein wahres Wort nochmal aufzuwärmen: “Das Tolle an der Energiewende ist, dass der letzte nicht mal das Licht ausmachen muss.”

Eine neue Definition von Marktdominanz

Lange erwartet, endlich da: ein Artikel von mir, der gleichzeitig die Themen “Elektromobilität” und “Qualitätsjournalismus” aufgreift.

Anlass: eine Infografik im Pioneer Briefing (Business Class Edition) vom 2023-07-19, überschrieben mit “Tesla: Dominanz im deutschen Markt”. Es geht um die Zulassungszahlen im ersten Halbjahr 2023, und ich wurde ob der Überschrift hellhörig. Der Abgesang auf die deutsche Autoindustrie ist ja quasi ein Klassiker des Qualitätsjournalismus und anderer Unkenrufer von der linksgrünen bis zur liberalen Fraktion. Was hat die deutsche Autoindustrie nicht schon alles angeblich verschlafen: den Trend zum preiswerten Kleinwagen, zum Vollhybridfahrzeug, zum Diesel mit Partikelfilter, zum Direkteinspritzerbenziner, zum Elektroauto, zum Plug-In-Hybrid – kein Trend, den nicht irgendjemand irgendwann ausgerufen hat und den die deutsche Automobilindustrie verschlafen hat. Als Vorreiter wurden so ziemlich alle Konkurrenten über die Jahre identifiziert: Italiener, Franzosen, Japaner, Koreaner, Chinesen, und zuletzt vor allem Tesla. Und jetzt war es dann wohl so weit: selbst auf dem traditionell von deutschen Herstellern beherrschten heimischen Automarkt hat Tesla das Kommando übernommen! Also: Faktencheck.

Ich zitiere mal die Zahlen bezüglich des Marktanteils diverser Automarken, um die Absurdität der gewählten Überschrift von der Marktdominanz auch schwarz auf weiß festzuhalten: Tesla 16,5% (ja, richtig gelesen – nicht 80%, nicht 70%, sondern tatsächlich weniger als 20%), VW 15,6%, Mercedes 7,7%, Audi 6,5% (auch VW-Konzern, aber wenn man einen Pseudo-Punkt machen will, ist eine Aufsplittung nach Marken statt nach Firmen in diesem Falle vorteilhaft – der beschreibende Text der Infografik “nach Hersteller” wird so zwar beinahe zur Lüge, aber was soll’s), BMW 5,8%, Hyundai 5,5%, Fiat 4%, Smart 3,8%, MG ROEWE 3,5%, Skoda 3,5% (hoppla, nochmal VW-Konzern), Opel 3,2%, Seat 2,7% (VW-Konzern strikes again), Renault 2,7%.

Wir halten fest: 16,5% Marktanteil gilt heutzutage schon als “Marktdominanz”, selbst wenn die Konkurrenz vom VW-Konzern auf 28,3% kommt, also fast den doppelten Marktanteil. Eine äquivalente Theorie in der IT besagt, dass Apple die Marktdominanz bei Mobiltelefonen inne hat und auch bei Desktop-Betriebssystemen.

Nebenbemerkung: Renault war lange Zeit in Europa Pionier der Elektromobilität, mit dem Zoe als erstem halbwegs bezahlbarem E-Auto und dem Twizy als innovativem, wenn auch gescheitertem Versuch eine neue Fahrzeugklasse zu begründen. Heute: 2,7% Marktanteil. Zeigt mal wieder, dass die Pioniere im Markt schon nach wenigen Jahren keineswegs einen Vorteil haben – es scheint also gar nicht so schlecht zu sein, den einen oder anderen Trend einfach mal zu “verschlafen” und dann den Markt von hinten aufzurollen. The early bird catches the worm, but it is the second mouse that gets the cheese.

Nun liegt es mir fern, Gabor Steingart und seine Bemühungen rund um sein “Pioneer”-Projekt madig zu machen. Unter den ganzen Newslettern, die ich lese, ist man mit dem PioneerBriefing mit Abstand am besten informiert. Aber leider eben nicht frei von Bias und Spin. Schade.

Auch liegt es mir fern, die Elektroautobemühungen der deutschen Automobilindustrie schönzureden. Nach wie vor fehlen bezahlbare und vernünftige Elektroautos, aber die fehlen halt quer durch alle Hersteller. Wenn ein Tesla Model 3 nach gefühlt zehn verkündeten Preissenkungen im Basismodell heute in Deutschland immer noch über 40000€ kostet (ursprünglich ging man mal mit 32000€ Zielpreis ins Rennen, wobei das auch der qualitätsjournalistischen Fehlberichterstattung hierzulande zu verdanken war, weil man US$ nach EUR ohne Berücksichtigung von so Kleinigkeiten wie “Umsatzsteuer” und “Transportkosten” umgerechnet hatte). VW mit dem ID.3 oder Opel mit dem E-Astra liegen auch nicht günstiger, und wir reden hier von kaum alltagstauglichen Kisten mit viel zu wenig Platz und Reichweite gemessen an einem Standard-Benziner. Selbst ein Kleinstwagen wie der VW eUp liegt noch bei 30000€, was den Wahnsinn der E-Mobilität für Brot-und-Butter-Käufer nochmal ins Gedächtnis brennt.

Und das erklärt dann auch, warum weltweit, sobald staatliche Förderungen für E-Autos wegfallen und der Grundbedarf für Käufer mit geeignetem Nutzungsprofil (hauptsächlich Kurzstrecke, Nutzung als Zweitwagen und/oder Pendlerauto, Lademöglichkeit zuhause nach Möglichkeit mit PV-Überschussstrom) gedeckt ist, die Verkäufe drastisch einbrechen. So derzeit auch in Deutschland zu beobachten. Wobei hierzulande auch die extrem langen Lieferzeiten ein Bestellhindernis waren – die Entwicklung bei den Elektroautos geht ja doch noch mit etwas höherem Tempo voran als bei Benzinern oder Dieseln, wer will da 15 Monate auf ein Fahrzeug warten, dass dann bei Auslieferung schon halb veraltet ist. Jedenfalls sind die Prognosen nicht rosig: Für 2023 werden gerade mal knapp 500.000 verkaufte Elektroautos erwartet, ein Marktanteil von knapp über 20% – man könnte sagen: weit entfernt vom Marktdurchbruch. Für 2024 wird gar nur noch ein Marktanteil von 14% erwartet. Hauptgründe: steigende Strompreise und vermutlich wegfallende staatliche Förderung.

Man kann ja mal kurz überschlagen – die kWh Strom kostet heute zwischen 30ct (“zuhause mit Netzstrom laden”) und 80ct (Schnellladung z.B. an der Autobahn), je nach Modell braucht man für 100km real 15-20 kWh, also mindestens 4,50€, aber bis zu 16€. Ein entsprechender Benziner, mit heute üblichen 6l/100km, kommt bei 1,70€/l auf rund 10€. Spart man mit dem Stromer also höchstens 5€ auf 100km, bei einem Mehrpreis bei Anschaffung von mindestens 10000€ (entspricht also naiv gerechnet 200000km bis zum break even). Und das war jetzt sehr freundlich gerechnet für das E-Auto. Günstiger wird es nur, wenn man konsequent zuhause mit PV-Überschuss lädt, weil die Einspeisung heutzutage ja bei neuen Anlagen weniger als 10ct/kWh bringt. Nur: von Herbst bis Frühjahr dürfte es nur selten über ausreichende Zeit diese Überschüsse geben, um die tägliche Pendelstrecke nachzuladen. Bleiben also die Wenigfahrer im Home-Office mit großer PV-Anlage auf dem Dach als Zielgruppe – klingt nicht nach einem Erfolgsrezept für die breite Masse. Und das berücksichtigt nicht mal die gravierenden Nachteile wie geringe Reichweite/lange Standzeiten bei leerem Akku/kein ausreichend dichtes Ladenetz, die seit langem bekannt sind.

Niemand Vernünftiges zahlt eben mehr Geld für weniger Nutzwert.

Kirchenflucht

Landauf, landab wurde über die Austrittswelle bei der katholischen Kirche in 2022 in Deutschland berichtet. Hier eine schöne Statista-Infografik dazu. So weit, so wenig ungewöhnlich – dass in Deutschland die Zahl der Kirchenaustritte nicht unerheblich ist, ist quasi eine Konstante der letzten 40 Jahre. Und auch wenig verwunderlich – so sehr ich ein Fan der christlichen Werte bin (ich halte sie für eine der besten Ideen der Menschheitsgeschichte), so wenig war und bin ich ein Fan von dem, was man unter “Amtskirche” versteht. Nimmt man die Einzeltatbestände “Kirchensteuer” und “Missbrauchsskandel” zusammen, hat man ja schon eine allemal ausreichende Sammlung an gewichtigen Gründen, diesem Verein den Rücken zu kehren.

Nicht, dass es bei der evangelischen Kirche besser wäre: nicht umsonst wird diese von Spöttern als “die AG Singen und Beten der Grünen” bezeichnet. Anstatt sich um die christlichen Werte zu kümmern, wird hier gerne grüne Politik gemacht – eventuell im guten aber absurd falschen Glauben, dass Ökologismus nach marxistisch-grüner Ideologie irgendwas mit “Bewahrung der Schöpfung” und “Umwelt- und Naturschutz” zu tun hat. Und jede Institution, bei der eine Person wie Margot Käßmann eine leitende Funktion erlangen kann, ist logischerweise zurecht dem Tode geweiht und auch intellektuell bankrott.

Offen bleibt, wann die Konsequenzen folgen. Nachdem nun deutlich weniger als 50% der Deutschen Kirchenmitglieder sind, wäre es an der Zeit, die Repräsentanz der Kirchen in den diversen Gremien mal zu hinterfragen. Gut, für die Merkel’sche Ethikkommission zum Atomausstieg kommt diese Idee leider zu spät, und da haben sich nicht nur die Kirchenvertreter an den kommenden Generationen versündigt.

Gewundert hat mich immer, dass sich das Wehklagen der Kirchen ob dieser Austritte doch in Grenzen hielt. Aufschluss gibt hier die Statistik der Kirchensteuereinnahmen: bis einschließlich 2019 ein sauberer stetiger Zuwachs. Solange die Kasse stimmt, kann man auf Mitglieder wohl leichteren Herzens verzichten.

Im Übrigen würde ich mir von unseren Qualitätsjournalisten und -statistikern wünschen, die Kommunikation etwas trennschärfer vorzunehmen. Die Gruppen “Christen”, “Gläubige” und “Kirchenmitglieder” haben zwar Schnittmengen, sind aber ganz sicher nicht deckungsgleich und keineswegs als Synonyme austausch- und verwendbar.

Revolutionäres Forschungsprojekt sichert Gelingen der Energiewende

Viele haben berichtet, auch mit durchaus angemessenem Sarkasmuslevel. Das Bild von der “Eröffnung” ist wirklich spektakulär – Photovoltaik-Module auf einer ausgefuchsten tragenden Konstruktion (vier Pfeiler im Betonsockel), einen Straßenabschnitt überspannend. Nein, nicht etwa über die Autobahn, wie der Heise-Artikel frech behauptet (kann man das schon Lügenpresse nennen?), sondern neben der Autobahn auf einem Rastplatz.

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Man weiß nicht, warum Forschungsinstitute wie das Fraunhofer solche Projekte bezahlt bekommen – gut, es könnte natürlich sein, dass die Fraunhofer-Solarexperten nur auf extrem niedrigem Niveau arbeiten, das ist (zumindest mir) ja schon früher aufgefallen bei diversen Studien zur Stabilität von Stromnetzen mit hohem PV- und Windanteil. Zumal unter den Orten, wo PV-Ausbau stattfinden sollte, verbraucherferne Standorte zuallerletzt in Betracht gezogen werden sollten. Wobei, dank des kurz bevorstehenden Durchbruchs des Elektroautos nebst daraus resultierender Notwendigkeit einer großen Anzahl Schnellladestationen entlang der Autobahn (Daumenregel: 10 Schnellader ersetzen eine Zapfsäule), könnte das bei Sonnenschein ja sogar sinnvoll sein. Am besten noch ein paar Hotels hinbauen, denn bei Wolken oder bei Nacht bleibt der Akku dann leider leer und sorgt für entsprechende Zwangspausen. Wir wollen ja nur Ökostrom im Elektroauto, denn es wird ja gerne und häufig als CO2-frei angepriesen.

Wenn man solche Projekte sieht, versteht man plötzlich, wie unsere Regierung auf so einen Schwachsinn wie das Heizungsgesetz von Robert H. (oder war es doch von Patrick G.?) verfallen kann – das ist ja schon fast eine intellektuelle Meisterleistung gegenüber diesem Rohrkrepierer.

Als Gegenvorschlag empfehle ich mal folgendes: alle sich im Besitz des Bundes befindlichen Gebäude mit PV-Dachanlagen versehen und mit Wärmepumpen sowie ausreichendem Warmwasserspeicher für die Pufferung die Heiz- und Brauchwasserwärme bereitstellen. Wichtig: Netzstrom darf zur Wärmeerzeugung nicht verwendet werden, damit die Feedbackschleife der Bewohner zum Thema “PV macht uns unabhängig von fossiler Energie” möglichst kurz ist, Hat auch darüber hinaus weitere Vorteile: keine Unfallgefahr für Autofahrer, die den Betonsockel der tragenden Konstruktion treffen. Verbrauchernahe Erzeugung des Stroms. Schon vorhandener Netzanschluss zur Einspeisung von Überschüssen. Tragende Konstruktion existiert schon (Dach). Diebstahl der PV-Module ist erschwert. Wenn der Bund damit fertig ist, kann man über Autobahnüberbauung nachdenken. So in 30 bis 40 Jahren schätzungsweise.

Ukraine-Update – kein Mangel an Phantasie

Seit meinem letzten Ukraine-Update von Anfang September letzten Jahres hätte es viele Gelegenheiten gegeben, über den weiteren Verlauf des russischen Angriffskrieges zu spekulieren. Beispielsweise nach Beginn der russischen Winter-Offensive, wo man sich bis heute fragt, ob die eigentlich stattgefunden hat oder ob Russland so schwach ist, dass man trotz Konzentration aller verfügbaren Kräfte es gerade mal für einen Pyrrhus-Sieg in Bachmut gereicht hat. Oder alles einer cleveren, aber bisher undurchsichtigen Strategie der Russen folgt, um welches-Ziel-auch-immer zu erreichen. Oder die ganzen Geschichten zu den Waffenlieferungen von Schützenpanzern über Kampfpanzer bis hin zu F16-Kampfflugzeugen, und ob es jetzt 16 oder doch 18 deutsche Leo 2 sein werden. Oder warum die bei der Bundeswehr lange ausgemusterten Gepard-Flakpanzer in der Ukraine als ein sehr beliebtes und erfolgreiches Waffensystem reüssierten. Oder die langdauernde Vorbereitungsphase der ukrainischen Gegenoffensive, die eventuell oder auch nicht dann tatsächlich im Mai begonnen hat. Oder über die ausbleibenden Fortschritte dieser Offensive nebst Verlust “westlicher Panzer”, die so natürlich niemals nicht hätten passieren dürfen – schließlich ist so ein Leo 2 bekanntlich unverwundbar und topmodern mit seiner Grundkonstruktion aus den 70ern, so eine High-Tech-Kiste kann ja niemals auf dem Schlachtfeld ausfallen. Dann die Sprengung des Kachowka-Damms (“Die Russen waren es! Nein, die Ukrainer! Alles von den Amis eingefädelt! Das waren doch diese britischen Marschflugkörper, die sind extra dafür geliefert worden! Nein, die Russen wollten doch nur ein kleines Loch reinsprengen und dann haben sie es verkackt!”). Unwillkürlich fühlte man sich auf der Suche nach Schuldigen an die Sabotage der Nordstream-Pipeline erinnert, wo ja auch jeder seine Lieblingstheorie hat.

Und nun die große Wagner-Revolution. Was Freitag noch wie ein großangelegter Putsch mit durchaus guten Erfolgsaussichten aussah, entpuppte sich einen Tag darauf als Revolutiönchen, das schneller im Sande verlief als irgendjemand glauben mochte. Und unter allen Ereignissen dieses Krieges ist es eins der rätselhafteren, und da gibt es ja wahrlich genug Konkurrenz. Einige brachten die Theorie ins Spiel, Prigoschin sei von den Amis gekauft worden, um Putin zu eliminieren. Das war zu Anfang vielleicht noch eine zumindest plausible Hypothese, aber nach der Exil-in-Weißrussland-Auflösung zunehmend unwahrscheinlich. Dann gab es die Idee, das alles ein abgekartetes Spiel zwischen Prigoschin und Putin wäre – das erklärt aber nicht die sehr unsouveräne, fast panikartige Reaktion von Putin und der tatsächlich stattfindenden Scharmützel zwischen Wagner und russischer Armee, Nationalgarde, und was da sonst noch am Start ist. Wenn man sich anschaut, wie schnell die Wagner-Truppen quasi ohne Widerstand gen Moskau vorgestoßen sind, fragt man sich schon, ob Putin wirklich daran interessiert sein kann, zu illustrieren, wie schutzlos sein Land im Moment durch die Konzentration der kämpfenden Truppe in der Ukraine wirklich ist. Vor allem, weil er ja nicht müde wird zu behaupten, dass die NATO quasi demnächst in Russland einmarschieren wird. Eine Verfeinerung der alles-abgesprochen-Theorie ist, dass Putin unauffällig eine schlagkräftige Truppe nach Weißrussland verlegen wollte, um dort die Front im Norden wiederzueröffnen. Diese Hypothese erscheint mir eher abwegig, denn 30000 Mann sind jetzt von der Schlagkraft her eher übersichtlich, zumal sie ja schwere gepanzerte Waffensysteme brauchen würden – und deren Transport ist kaum geheimzuhalten und nach jetzigem Erkenntnisstand (noch?) nicht erfolgt.

Die ganze Aktion hat die russischen Truppen in der Ukraine ja auch durchaus geschwächt, die Wagner-Söldner sind ja durchaus kampferfahren und wären vor Ort sicherlich wertvoll bei Verteidigung und Gegenangriff gewesen. Es könnte aber sein, dass die russische Strategie tatsächlich schon – wie Prigoschin die letzten Monate ja nicht müde wurde zu behaupten – eine Art Aushungern der Wagner-Truppe durch schleppende Material- und Munitionsversorgung war mit dem Ziel, die Wagner-Kämpfer langfristig in die russische Armee zu überführen oder alternativ aus dem Spiel zu nehmen, ironischerweise vielleicht sogar wegen befürchteter Putschgefahr. Wenn Prigoschin das so gesehen hat, wäre es gut denkbar und plausibel, dass er den – so er denn stattgefunden hat, die russische Armeeführung bestreitet das ja vehement – Angriff russischer Einheiten auf ein Wagner-Camp zum Anlass für einen Befreiungsschlag genommen hat. Lieber mit einem Knall gehen und noch ein paar Feinde mitnehmen, als dem langsamen Siechtum beizuwohnen. Dass er die Wagner-Truppen nicht bis zum bitteren Ende gegen russische Einheiten kämpfen lässt, passt auch gut zu Prigoschins vermutetem Mindset: kein Blut von Russen vergießen. Und vielleicht waren seine Erzfeinde Schoigu und Gerassimov wirklich das Ziel dieser Aktion, und nachdem deren Eliminierung kurzfristig nicht erreichbar war, sollte der Marsch auf Moskau eben nicht im großen Bürgerkrieg enden – auch das passt zu Prigoschin und seinen kolportierten Ansichten.

Interessant ist auf jeden Fall, dass jetzt plötzlich wieder Lukaschenko im Spiel auftaucht, der ja eigentlich seit seiner Ablehnung einer aktiveren Rolle Weißrusslands im Krieg gegen die Ukraine mehr oder weniger unbeteiligt an der Seitenlinie steht. Seine Vermittlerrolle kam für mich doch eher überraschend, aber aus Putins Sicht vermutlich willkommen – sehr lange hat Putin ja die Eskapaden von Prigoschin gedeckt und die Wagner-Truppen auch dringend gebraucht, sei es in Syrien, Mali oder in der Ukraine. Wagner konnte dahin gehen, wo die russische Armee nicht eingreifen konnte oder sollte. Vermutlich hat deshalb Putin seinen großen Worten bezüglich der Behandlung der Verräter da keine Taten folgen lassen, weil er nach der ersten Panik erkannt hat, dass ein Deal mit Prigoschin auf lange Sicht die bessere Idee ist.

Ist Putin nun angeschlagen? Götterdämmerung in Russland? Bröckelt der Koloss auf den tönernen Füßen? Hilft all das der Ukraine? Man weiß es nicht. Es bleibt viel Raum für Phantasie. Für mich ist besonders interessant zu beobachten, ob Prigoschin weiterhin die Öffentlichkeit mit seiner doch recht drastischen Kritik vor allem an der russischen Armeeführung suchen wird, und wie lange er in Weißrussland überlebt – Profi-Tipp: am besten immer im Erdgeschoss aufhalten. Und was mit den ganzen Wagner-Söldnern nun eigentlich passiert. Zumal Wagner ja auch noch andere Geschäftsbereiche hat als “wir führen Krieg für Wladimir”, aber letztlich zu großen Teilen von Staatsaufträgen gelebt hat. Da wird sich aber sicher ein Oligarch von Putins Gnaden finden, der sich da großzügig opfert um den Geschäftsbetrieb weiterzuführen.

Der Kanzlerkandidat der Union

Nicht mal ganz Halbzeit bei der Ampel-Regierung. Wenn man mal davon ausgeht, dass sich diese sich eher feindlich gesonnene Chaotentruppe über die ganze Legislaturperiode zusammenreißt. Böse Zungen behaupten ja, dass die wahre Oppositionsarbeit innerhalb der Regierung geleistet wird. Und da dachte sich die Union wohl (oder genauer, es scheint derzeit eine CDU-Debatte zu sein), man sollte jetzt dringend mal die Kanzlerkandidatenfrage aufgreifen. Wobei, vielleicht war es auch die Presse, die da die Saat gelegt hat, um nicht ganz nackt im Sommerloch dazustehen. Die Aufregung um das katastrophale Heizungsgesetz wurde ja recht schnell wieder auf die hinteren Seiten der Postillen verbannt.

Wie dem auch sei, der Senf ist aus der Tube, und zumindest die Presse diskutiert über Merz vs. Wüst. Und manchmal wird auch noch Söders Hut – stellvertretend, denn er selbst ist zu clever für Äußerungen in diese Richtung – in den Ring geworfen. Und tatsächlich ist Söder m.E. der Einzige, der momentan von dieser Debatte profitiert, denn kaum ein Kommentar (also praktisch alle Artikel in der heutigen Presse – “Bericht” kann man diese meinungsstarken Debattenbeiträge ja allesamt nicht nennen) kommt ohne die Bestandsaufnahme aus, dass für den Fall, dass Söder ein überzeugendes Ergebnis bei der kommenden Landtagswahl in Bayern (2023-10-08) einfährt, selbstverständlich Söder im engsten Favoritenkreis zu sehen ist. Eine Art Win-Win-Situation für Söder, denn einige bayrische Wähler könnte das dazu veranlassen, Söder ihre Stimme zu geben, damit endlich mal ein CSU-Kandidat Kanzler wird. Und wenn der Rückenwind nicht reicht, macht er halt nochmal 5 Jahre den bayrischen Ministerpräsidenten und stänkert wie gewohnt von München aus gegen “die da in Berlin”.

Ich halte Söder für einen Totalopportunisten ohne stabiles eigenes Wertesystem, für einen Dampfplauderer allererster Güte, für aalglatt und prinzipienlos. Und doch würde ich ihn Merz oder Wüst jederzeit vorziehen. Was einiges über die Qualität des CDU-Personals aussagt – zu Kohl-Zeiten konnte man sich problemlos Schäuble, Späth, Biedenkopf oder Stoltenberg als Kanzlerkandidat oder sogar Kanzler vorstellen. Heute hofft man eigentlich nur, dass niemand auf die Idee kommt, Ursula von der Leyen ins Spiel zu bringen. Das wäre doch mal ein Bundestagswahlkampf – UvdL oder AKK für die Union, Claudia Roth oder Ricarda Lang für die Grünen, Klara Geywitz oder Nancy Faeser oder Christine Lamprecht für die SPD, Marie-Agnes Strack-Zimmermann oder Bettina Stark-Watzinger für die FDP, Alice Weidel für die AfD.

Möge dieser Kelch an uns vorübergehen. Wobei vermutlich einige von ihnen es besser machen würden als Angela Merkel. Oder zumindest kürzer.

Heizungsquatsch mit Robert

Als normaler Mensch mit GMV (“Gesunder MenschenVerstand”) fällt es einem schwer, sich in die Gedankenwelt grüner Politik zu begeben. Zu viel Unsinn, zu viele offensichtliche Widersprüche, zu viel Ideologie, kein Pragmatismus. Auch die neueste Idee (wobei, so neu ist sie nicht, schon im Koalitionsvertrag wurde dergleichen angedeutet, nun allerdings vorgeschlagen in einer verschärften Variante) fällt in diese Rubrik.

Nun soll also das Thema “Wärme und Heizung” mit der Brechstange auf Klimaneutralität getrimmt werden. Weg mit Gas und Öl, es bleibt im Prinzip Strom (bevorzugt: Wärmepumpe) und Pellets bzw. andere Holzheizungsformen. Wobei die letzteren Optionen vermutlich demnächst in Ungnade fallen werden, denn die nächsten EU-Grenzwerte zum Thema Feinstaub und Stickoxide stehen ja schon vor der Tür und werden dem Heizen mit Holz einen Riegel vorschieben. Und der Bürger sollte inzwischen gelernt haben, dass sowas wie “Bestandsschutz” in politischen Überlegungen nicht mehr vorkommt. Man schaue sich die schon bestehenden Regelungen zur EE-Pflicht und Ölheizungstauschpflicht in Baden-Württemberg an.

Klimaneutralität und Strom? Da war doch was…richtig, wir erzeugen ja erkleckliche Mengen an Strom noch gar nicht klimaneutral und werden dies auch auf absehbare Zeit nicht tun (und schon gar nicht im Winter, wo – man muss es wohl betonen bei dem allgemeinen Niveau der Diskussionsteilnehmer – weiterhin die Hauptheizzeit ist). Ist so ähnlich wie beim Elektroauto: man definiert einfach “Strom ist klimaneutral, weil theoretisch ja möglich und irgendwie wollen wir ja irgendwann da ja mal hin”, und definiert alle anderen – ebenso theoretisch klimaneutralen – Lösungen als böse und verbietet sie. Das hat man bei den Autos ja schon EU-weit geübt, auch wenn es da im Moment noch zaghaften, aber wenig zielführenden Widerstand bei der FDP gibt.

Nicht, dass eine Wärmepumpe zu Zwecken der Brauchwassererwärmung und für Raumwärmebereitstellung aka Niedrigtemperaturheizzwecke nun eine schlechte Idee wäre. Thermodynamisch gesehen ist das dufte, Stichwort “Leistungszahl”, und solange die Vorlauftemperatur niedrig genug ist (auf deutsch: bevorzugt gut gedämmter Neubau mit Flächenheizung), könnte es sich sogar ökonomisch rechnen. Ja, da isser wieder, der Konjunktiv. Denn die Anschaffung einer Wärmepumpe ist halt eine teure Angelegenheit, die Wartung derselben ebenso, und in der schönen neuen Welt der dargebotsabhängigen Stromerzeuger will man ja auch noch einen ausreichenden Wärmepuffer einbauen, um schwankende Stromerzeugung auf der Verbraucherseite ausregeln zu können. Das alles treibt die Kosten gegenüber einer supersimplen Gastherme, die jetzt auch relativ CO2-arm ist, zudem wartungsarm und preiswert, und emissionstechnisch auch nicht gerade problematisch ist. Wenn man nun seine gut gedämmte (also 00er-Jahre-Baujahr) 100qm-Etagenwohnung mit vielleicht 5000 kWh Wärmebedarf abfrühstücken kann – die Anschaffungsmehrkosten kann die Wärmepumpe während ihrer Lebensdauer niemals reinspielen. Eine Luftwärmepumpe mit Jahresleistungszahl 3 braucht dafür auch immerhin 1600 kWh Strom, der liegt gerade bei etwa 40 ct/kWh, während der Gaspreisdeckel gerade auf 12 ct/kWh den Gaspreis begrenzt (und der reale Gaspreis schon wieder deutlich niedriger ist, eher so bei 10 ct/kWh) – d.h. die laufenden Kosten sind bei der strombetriebenen Wärmepumpe derzeit sogar höher. Kurzer Crosscheck zum Heizöl: derzeit bei etwa 1 € pro l bei Abnahme von 3000l, macht 10 ct/kWh. Die Ökonomie spricht also eindeutig gegen die Wärmepumpe. Sagte jemand Erdwärmepumpe, um über die höhere Jahresleistungszahl die Bilanz zu schönen? Leider noch viel teurer in der Anschaffung, und zudem lange nicht überall möglich. Nicht alles, was einen höheren Wirkungsgrad hat, rechnet sich eben – alte Ingenieursweisheit.

Genauso wie die Ökonomie typischerweise gegen Nachrüstung bezüglich Dämmung von noch-nicht-ganz-so-Altbau spricht. Fallbeispiel Haus, erste Wärmeschutzverordnung (also Baujahr ab 1979), 4-Personen-Haushalt auf 200qm brauchen hier im Jahr etwa 30000kWh, wovon etwa 10% für Brauchwasser draufgehen dürfte. Bei derzeitigen Heizölpreisen (und die waren schon sehr viel niedriger, und werden vermutlich demnächst auch nochmal niedriger sein) also 3000€ im Jahr. Wenn man das übliche Programm Aufdachdämmung-Fassadendämmung-neue-Fenster fährt, also noch nicht mal eine Flächenheizung einbauen lässt und stattdessen durch etwas größere Heizkörper mit einer Vorlauftemperatur unter 50 Grad auskommen kann (das ist so grob der Richtwert, bis zu dem eine Wärmepumpe energetisch einigermaßen Sinn ergibt), liegt man bei der Renovierung schon im sechsstelligen Bereich, was die Kosten angeht. Wenn man Glück hat, senkt man damit die Verbrauchskosten auf 1000€ im Jahr. Preisfrage: was ist hier der Investitionshorizont? 100 Jahre? Selbst bei Einsatz von sündteurem BtL-Heizöl und 3fach kompensiertem CO2-Ausstoß geht die Rechnung niemals auf. Und dabei ist noch nicht mal berücksichtigt, dass sowohl Wartung als auch Lebenserwartung einer Wärmepumpe zuungunsten derselben ausfallen.

Und genau deshalb gibt unsere Regierung Unsummen aus für sinnlose kontraproduktive Förderprogramme bezüglich Dämmung, Wärmepumpe, Pelletheizung und Brennstoffzellen (und vor kurzem noch ironischerweise auch für Gasheizungen). Und überlegt sich nun gravierende Zwangsmaßnahmen, um die störrischen Bürger auf den Pfad der Tugend zu führen, der letztlich eine Mischung aus Enteignung und Sondersteuer bedeutet. Denn wenn man kühl rechnet, würde man die von der Regierung favorisierten Maßnahmen niemals durchführen.

Aber vielleicht kommt ja alles anders, die erneuerbaren Energien werden wirklich so billig bei der Stromproduktion wie schon seit Jahrzehnten versprochen, und der Strompreis sinkt auf 10 ct/kWh. Aber dann bauen wir wohl lieber wieder Nachtspeicheröfen und Durchlauferhitzer ein, wie es die Franzosen schon seit jeher tun – und auch deshalb die deutlich bessere CO2-Bilanz haben als Deutschland, dank Stromerzeugung aus Kernenergie und Wasserkraft. Denn je billiger der Strom, desto weniger lohnt sich eine Investition in eine Wärmepumpe – und auch in Wärmedämmung. Und je besser das Haus gedämmt ist, desto weniger lohnt sich logischerweise die Investition in Effizienzverbesserung der Wärmebereitstellung. Es passt also alles zusammen: die Grünen favorisieren wie immer die dümmste und teuerste Lösung.

Noch ein Schlenker zum politischen Abgesang auf die Gasheizungen: ein unverzichtbarer Bestandteil der Energiewende hin zur Klimaneutralität ist ja das sogenannte “Windgas”, also letztlich die Erzeugung von CH4 aus CO2 unter Einsatz von elektrischer Energie. Unverzichtbar zur Pufferung des erheblichen Ausregelbedarfs der erneuerbaren Energien vom Schlage Wind und PV. Klimaschutztechnisch wäre es genauso gut, dieses Windgas in den bestehenden Gasheizungen zu verfeuern oder in Erdgasfahrzeugen zu Transportzwecken zu nutzen als es in Gasturbinen zu Strom zu machen (Wirkungsgrad: 30-40%, GuD geht eigentlich nicht wegen der notwendigen schnellen Regelbarkeit) um damit Wärmepumpen zu betreiben. Die durch die Konstruktion der Energiewende geschaffene Notwendigkeit für energietechnische Absurditäten wie Windgas führt die Wärmepumpenideologie quasi inhärent selbst ad absurdum. Chance darauf, dass man das einem Politiker erklären kann: 0%.

Und alle diese Betrachtungen ignorieren ja sogar die Tatsache, dass Klimaschutz am preiswertesten woanders implementiert wird, wo durch geringeren Kapitaleinsatz deutlich höherer Nutzen generiert werden kann. Aber das würde das politische Hauptziel “Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen” natürlich gefährden. Zum politischen Irrsinn hierzulande gehört eben auch, globale Probleme lokal lösen zu wollen. Zu einem Preis, der garantiert keine Vorbildwirkung für den Rest der Welt entfaltet.

Und wie würde nun die GMV-Lösung aussehen? CO2 gleichmäßig bepreisen, die absurden Bauvorschriften bezüglich Wärmedämmung einstampfen, und den Markt entscheiden lassen. Am Ende könnte sich synthetisch erzeugtes Heizöl oder Gas aus Hochtemperaturreaktoren (natürlich im Ausland betrieben, hierzulande ist das ausgeschlossen) durchsetzen. Oder große Wärmespeicher für ganze Siedlungen, die bei großem Stromangebot aus PV per Heizstab auf Temperatur gebracht werden und per Nahwärmenetz die Wohnungen versorgen. Oder die reine Elektroheizung-Variante, wenn PV lokal preiswert genug ist, damit jeder sein Balkonkraftwerk betreiben kann und vor allem will. Bei den geplanten EE-Ausbauzielen ist es sowieso unabdingbar, andere Speichermöglichkeiten außer “E-Auto” und “Windgas” bereitzustellen – Warmwasserspeicherung ist da verhältnismäßig einfach und preiswert zu machen.

Hochsprung und Qualitätsjournalismus

Vorgestern im Handelsblatt Morning Briefing: Dick Fosbury ist gestorben. Jeder Leichtathletik-Interessierte kennt Dick Fosbury als Olympiasieger im Hochsprung von Mexiko-City 1968, neben Bob Beamon im Weitsprung (8,90m) die zweite Legende dieser Olympischen Spiele. Nicht aufgrund eines legendären Weltrekords wie im Falle von Beamon, sondern aufgrund seiner revolutionären Technik, die als “Fosbury-Flop” in die Geschichte einging – auch wenn er wohl nicht der Erfinder der Technik war, das wird einem recht erfolglosen Österreicher zugeschrieben.

So weit, so bekannt (zumindest für die Sport-Nerds). Wo ist die Verbindung zum Qualitätsjournalismus? Ich zitiere aus dem Text des Handelsblatts: “Er war der erste Athlet, der die Hochsprungstange in Rückenlage mit dem Kopf voran überquerte. Bis dahin waren die Athleten meist in der Frontalhocke über die Stange gesprungen.” Äh, nein. Frontalhocke, das war ganz ganz früher und gilt als vielleicht älteste Technik. Im 20. Jahrhundert hat das vernünftigerweise keiner mehr verwendet, schon im 19. Jahrhundert wurde weithin der “Schersprung”, auch “Scherenschlag” genannt, genutzt. Und kurz darauf sprang die ganze Welt im “Straddle” bäuchlings über die Latte. Auch nach Fosbury war das noch lange Zeit gängig, erst Anfang der 80er setzte sich der Fosbury-Flop auf ganzer Linie durch. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an den Zehnkämpfer Christian Schenk, der regelmäßig die größte Höhe im Hochsprung im Rahmen des Zehnkampfes erzielte, mit 2,27m lange Zeit Rekordhalter und letzter Straddle-Springer im Spitzensport – immerhin bis in die 90er hinein.

Und ja, solche Dinge hat man früher im Rahmen des Sportunterrichts an allgemeinbildenden Gymnasien gelernt. Heute könnte man sie auch einfach auf Wikipedia nachlesen. Wenn verstehendes Lesen und Lust auf Recherche und Bewusstsein für eigenes Nichtwissen noch notwendige Merkmale für Journalisten heutzutage wäre. Besonders peinlich, wenn solche Qualitätsmängel bei eigentlich themenfremden Randbemerkungen zutage treten. Man hofft, dass bei den wichtigen Themen solider recherchiert wird. Und zweifelt gleichzeitig dran, weil einfach bei allen Themen, bei denen man gut Bescheid weiß, dieselbe Misere zutage tritt.

Putin erhöht den Einsatz

Wladimir Putin hat gestern – je nachdem, welcher Quelle man glaubt – die “Teilmobilmachung” oder die “Mobilmachung” verkündet. Damit wird höchstoffiziell die “militärische Spezialoperation” zum ausgewachsenen Krieg, die Realität ist also auch in die offiziellen Verlautbarungen der russischen Regierung eingezogen. Auch die eher unspezifische Atomdrohung gegen alle, die Russland vernichten wollen, wurde erneuert, inklusive einem merkwürdigen Nachsatz “ich bluffe nicht”. Und es werden Referenden zeitnah durchgeführt in diversen Gebieten, teils welche die schon seit 2014 umkämpft sind, teils in seit 2022 eroberten Gebieten. Warum die Russen sich die Mühe machen wollen, hier nach dem Krim-Annexions-Playbook vorzugehen, erschließt sich mir nicht – völkerrechtlich hat es keine Relevanz, und zuhause hat man ja bisher behauptet, dass die Ukraine als Staat eh nicht existiert und das im Grunde alles schon immer zu Russland gehört. Und als Argumentationshilfe für die Putin-Trolle taugt es auch nicht wirklich, dazu ist die Story nun wirklich zu dünn. Mitten im Krieg in einem besetzten Gebiet ganz offensichtlich unfreie Wahlen abzuhalten – wen soll das denn überzeugen?

Mehrere Fragen treiben mich rund um diese Teilmobilmachung um. Eine ist: wird es wirklich etwas ändern, zusätzliche Truppen im Umfang von vielleicht 300000 Mann in die Schlacht zu werfen, oder leidet man nicht eher unter dem Mangel an hochwertigem Material? Zusätzliche Soldaten werden wohl kaum dabei helfen, die Luftüberlegenheit zu erringen. Oder das Aufklärungsdefizit in den Griff zu kriegen. Zumal es sich ja letztlich um Reservisten handelt, d.h. gemessen an den Berufssoldaten, die im Moment kämpfen, jetzt eher nicht die Elite darstellt. Wobei es natürlich die Möglichkeit gibt, die jetzt einberufenen Reservisten auf die Grenztruppen in den ruhigen Lagen – Kasachstan, Finnland, Norwegen, Baltikum, Georgien, Polen, China – zu verteilen und erfahrenere Kräfte von dort stattdessen abzuziehen und in die Ukraine zu verfrachten. Was aber natürlich das Gefahrenpotenzial dort erhöht – Russland läuft Gefahr, da in ein paar Grenzkonflikte und “alte Rechnungen” zu laufen, man denke an die Aserbaidschan/Armenien-Geschichte oder Georgien. Und logistisch gesehen ist ein solcher Truppentausch natürlich auch nicht ganz einfach und erfordert Zeit. Die Wirkung der neuen Personalreserve wird sich also vermutlich erst im nächsten Frühjahr bemerkbar machen können.

Die politische Frage, was denn die Verkündung der Teilmobilmachung bewirkt – man hatte ja Gründe, bisher von einer “militärischen Spezialoperation” zu reden, und diese Gründe können ja nur innenpolitischer Natur sein – ist auch kaum vorhersagbar. Wird das russische Volk jetzt misstrauischer werden? Kaum vorstellbar, die letzten 8 Jahre des Konflikts waren ja schon eine wilde Achterbahnfahrt der Kreml-Propaganda, da kann ich mir nicht vorstellen, dass das jetzt der ausschlaggebende Tropfen sein soll, der das berühmte Fass zum Überlaufen bringt.

Wobei eine Mobilmachung unter Rückgriff auf Zivilisten natürlich schon Wirkung entfaltet. Der Krieg landet viel direkter bei der Bevölkerung. Es heißt ja, dass der Abzug aus Afghanistan damals innenpolitisch aufgrund der Opferzahlen unter den eigenen Soldaten fast schon als zwangsläufig angesehen wurde, und die politische Legende rund um die Notwendigkeit des Afghanistan-Krieges war ja von ähnlich unterirdischer Qualität was die Propaganda betrifft. Aber ich sehe einen gewichtigeren Faktor, der allerdings auch eher mittelfristig zur Wirkung kommt: diese 300000 Mann sind ja normalerweise im besten Alter, um einer produktiven Berufstätigkeit nachzugehen. Der Verlust einer solchen Anzahl von Arbeitskräften wird an der russischen Wirtschaft nicht spurlos vorübergehen. Insbesondere, wenn man ja gleichzeitig ganz dringend ein paar hochwertige Rüstungsgüter in größerer Menge unter einem unangenehmen Sanktionsregime produzieren sollte.

Welche Reaktion des Westens wird diese Eskalation durch Putin nach sich ziehen? Man könnte meinen, dass nun in die Kampf- und Schützenpanzerdiskussion etwas Bewegung kommen könnte. Die Idee, über Ringtausch altes Sowjetmaterial dem “heißen Recycling” zuzuführen, ist bekanntlich ausgereizt, und irgendwann müssen (oder “müssten”, quasi der Scholz’sche Konjunktiv) den Worten ja Taten folgen. Eine Verschärfung der Wirtschaftssanktionen wäre auch möglich, nachdem Russland inzwischen ja die Gaslieferungen weitgehend eingestellt hat, kann da nichts schlimmeres mehr passieren, und die derzeitigen Schlupflöcher zum Unterlaufen der Sanktionen sind ja riesig. Verschiedene Seiten haben vor allem dem US-Präsidenten ja geraten, ein paar rote Linien zu ziehen und seinerseits ganz vage auf das atomare Potenzial der NATO hinzuweisen. Ich halte das für eine schlechte Idee. Nicht nur, weil ich mich an das rote-Linien-Desaster des Duos Obama/Clinton noch gut erinnere. Denn man muss gar nicht konkret werden, sollen sich die Kreml-Strategen doch den Kopf darüber zerbrechen, welche mögliche Reaktion auf welche weitere Eskalation erfolgt. Dass die NATO im Angesicht der ultimativen Eskalation entsprechend reagieren wird, ist dem Kreml ganz sicher klar, insbesondere weil sie noch an ihrer Fehleinschätzung vom Februar bezüglich der Reaktion des Westens zu knabbern haben. Das mahnt zur Vorsicht.

Letztlich muss man aber feststellen, dass die Gesamtsituation noch etwas unangenehmer geworden ist. Denn jetzt sollte auch dem Letzten klar geworden sein, dass Putin und seine Freunde im Kreml vor kaum etwas zurückschrecken werden. Und “Irre mit Atomwaffen” ist halt ein unangenehmes Setting. Insofern ist die beste Hoffnung vermutlich sowas wie das Gorbatschow-Szenario – Putin segnet das Zeitliche, sein Nachfolger ist nominell aus demselben Kader, besinnt sich dann aber – vor allem aufgrund der normativen Macht des Faktischen – eines Besseren. Denn ein Untergangsszenario mit Putin am Ruder mag ich mir nicht vorstellen. Und das Ende des Russisch-Japanischen Kriegs 1905 will mir nicht so recht als Blaupause taugen.

Beinahe hätte ich übrigens als Überschrift für diesen Artikel “Putin ruft zum Volkssturm auf” gewählt, aber ich glaube diese Parallele ist nicht ganz so parallel wie manche nicht müde werden zu behaupten.

Zeitenwende und Zustand der Bundeswehr

Es ist nun schon ein Weilchen her, als Olaf Scholz im Bundestag die “Zeitenwende” inklusive “Sondervermögen” (Neusprech für: Schattenhaushalt) für die Bundeswehr angekündigt hat. Es war am 27. Februar diesen Jahres, die Älteren werden sich erinnern.

Nun hat man in Deutschland vor allem seit Ende des Kalten Krieges, aber eigentlich schon seit Ende der 70er/Anfang der 80er die Bundeswehr sowohl personell als auch materiell eher heruntergefahren. Eventuelle Etaterhöhungen sind nie in der kämpfenden Truppe gelandet, sondern stets in der Bürokratie, in komplizierten Ausschreibungsverfahren, und viel zu teure Rüstungsvorhaben und Prestigeprojekte ohne militärischen Wert. Und komischerweise ging nach Verkündung des 100-Milliarden-Euro-Honigtopfes auch die Diskussion direkt los mit diversen Rüstungsvorhaben, die zehn bis vielleicht sogar vierzig Jahre – man denke an das FCAS-Projekt in Partnerschaft mit Frankreich, geplante erste Indienststellung 2040, real also frühestens 2050 – bis zur Vollendung brauchen.

Nun ist Haushaltspolitik ja immer eine komplizierte und ggf. langwierige Sache. Aber es gibt auch für Beschaffung bei der Bundeswehr einen “Fast-Track” für kleinere Vorhaben, in Fachkreisen “25Mio-Vorlage” genannt. Damit kann das BAAINBw – eine Monsterbehörde, ansässig in Koblenz, die hauptverantwortlich für die Materialbeschaffungsmaßnahmen von der Planung bis zur Durchführung entlang der typischen Ergebnisse “zu spät, zu teuer, und weitgehend nutzlos” ist – kleinere Rüstungsvorhaben ohne langwierigen politischen Genehmigungsprozess durchführen.

Man weiß seit geraumer Zeit, dass die Bundeswehr insbesondere an zu viel nicht einsatzbereitem Material (man informiere sich mal über “dynamisches Verfügbarkeitsmanagement” und staune über den Einfallsreichtum, der bei solchen Neusprech-Wortkreationen möglich ist) und sehr dünnem Munitionsbestand (man spricht von “ausreichend für 2 Tage Krieg”, was wiederum den Kritikern seit Tag 1 recht gibt, dass die Bundeswehr nur dazu taugt, den Feind so lange aufzuhalten, bis das richtige Militär eingreift) leidet. In der Ausbildung der Soldaten ist Übungsmunition und Übungsschießen mit scharfer Munition eher selten, und das führt natürlich zu fatalen Mängeln. Untrainierte Soldaten sind im Ernstfall Kanonenfutter. Insbesondere in einer Demokratie ist dieser Zustand unerträglich.

Nun hat der Krieg in der Ukraine ja verschiedene Erkenntnisse gebracht. Z.B., dass insbesondere nicht ganz so moderne Kampfpanzer für moderne Panzerabwehrwaffen eher so Ziele wie beim Tontaubenschießen sind. Oder, dass reichweitenstarke und zielgenaue Artillerie ein Schlüssel zum Erfolg ist. Oder, dass preiswerte kleine Drohnen sehr gut zu Aufklärungszwecken verwendet werden können. Oder, dass gesicherte Kommunikationsstrecken wichtig sind. Oder, dass es bei so manchem Material wie Munition von Vorteil ist, wenn man größere Mengen vorrätig hat, weil im Ernstfall Nachbeschaffung eher schwierig und/oder zeitaufwändig ist.

Unnötig zu sagen, dass die Bundeswehr in allen Bereichen katastrophal schlecht auf den Verteidigungsfall vorbereitet ist – besonderes Highlight ist die Geschichte mit der noch analogen Funktechnik, die nicht mal eine Kommunikation mit den NATO-Partnern im Gefecht ermöglicht. Und dieser katastrophale Zustand ist seit mindestens drei Jahrzehnten jedem Verantwortlichen klar und bewusst, und die politische Strategie scheint zu sein, dass man darauf hofft, dass es im Ernstfall schon die NATO-Partner richten werden. Es war Trumps Verdienst, regelmäßig in Erinnerung zu rufen, dass die NATO ein Verteidigungsbündnis mit Bringschuld aller Partner ist, und nicht ein US-Schutzschirm für den Notfall. Lehren aus Trumps Erinnerungen hat man jedoch keine gezogen. Aber dazu war ja nicht mal ein heißer Konflikt vor der Haustür wie der Ukraine-Krieg – tödlich und mitten in Europa – in der Lage. Man wurschtelt rum, von einem Fettnapf in die nächste Verlegenheit stolpernd. Und plant die nächste Goldrandlösung – besonders teuer durch besonders sinnlose Detailanforderungen und niedriger Stückzahlen.

Wir werden von Totalversagern regiert. Und das bezieht sich keinesfalls nur auf die jetzige Regierung und die jetzige Verteidigungsministerin. In diesem Falle kann man nicht mal sagen, dass der Niedergang mit Ursula von der Leyen als Verteidigungsministerin begonnen hat – nein, die Misere dauert schon sehr viel länger, und der Fisch stinkt vom Kopf her. Schmidt, Kohl, Schröder, Merkel, und ihre jeweilige Ministerriege (oder muss man jetzt “Ministrierende” sagen?). Es ist immer schlimmer geworden über die Jahrzehnte. Unsere Flinten-Uschi hat den Niedergang höchstens noch etwas beschleunigt.

Ich glaube an die Zeitenwende, sobald eindeutig sichtbar wird, dass man aktiv die Ausrüstungsmängel der Bundeswehr behebt. Durch tatsächliche, nicht durch geplante Beschaffungen. Prognostizierter Glaubensbeginn: kurz nach dem Sankt-Nimmerleinstag.