Herr Hofreiter gibt ein Interview

Ich schreibe in letzter Zeit öfter über die Grünen. Vermutlich, weil ich wenig Zeit habe, da sucht man sich dann die einfachen Ziele. Im vorliegenden Fall hat Anton Hofreiter Spiegel Online ein Interview gegeben – und es ist exemplarisch für heutige grüne Standpunkte. Zeit für eine Analyse. Die Quelle: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/anton-hofreiter-zu-e-autos-angela-merkel-hat-den-ernst-der-lage-verkannt-a-1119774.html. Ich arbeite mich Antwort für Antwort durch, aber zitiere so wenig wie möglich um nicht in Copyrightprobleme zu kommen – das erschwert dem geneigten Leser vielleicht manchmal die Zuordnung, aber ich will nichts riskieren.

Extrem beunruhigend schon der einleitende Titel: „Anton Hofreiter zur Autopolitik“. Herr erspare uns Politiker, die sinnlos steuernd in die Wirtschaft eingreifen, hier exemplarisch die Automobilwirtschaft. In der heutigen Zeit scheint sich aber keiner mehr dran zu stören, dass Politiker wie selbstverständlich jeglichen Lebensbereich steuern und kontrollieren wollen – „Vater Staat“ wie man ihn sich nicht bedrückender vorstellen kann.

Zuerst lernen wir: Nullemissionsautos sind – ökologisch gesehen – gar nicht schlimm. Fast schon eine verwegene Aussage für einen Grünen. Was ist denn aus der schlimmen Bodenversiegelung durch die ganzen unnützen Verkehrswege geworden? Der Feinstaub durch Reifen- und Bremsenabrieb? Der brutal hohe Energieaufwand bei der Produktion des Autos? Die Ausbeutung der dritten Welt im Allgemeinen und im Besonderen? Aber wir beruhigen uns gleich wieder – das Elektroauto ist ja gar kein Nullemissionsauto, und ein solches kann es prinzipbedingt auch niemals geben. Der Hofreiters Toni hat sich also nur einen kleinen Scherz erlaubt, und ja auch die Einschränkung „ökologisch gesehen“ mit einfließen lassen – betrachtet man andere Dinge, ist das Auto an sich natürlich weiterhin ganz furchtbar schlimm.

Als Hofreiter dann von sich als „Technik-Fan“ erzählt, driftet das Interview kurz in die Comedy ab – den Grünen trieft die Technikfeindlichkeit aus jeder Pore, aber jeder hat bekanntlich nur ein sehr verzerrtes Bild von sich selbst. Von daher entschuldigen wir auch Hofreiters Idee von der Überlegenheit des Elektromotors bezüglich der Beschleunigung, über die jeder lächeln kann, der mal mit einem Tesla versucht hat, mehrere beeindruckende Beschleunigungsphasen hintereinander zu fabrizieren.

Dann fabuliert Hofreiter von China, Klimaschutzabkommen und dem Smogproblem in Städten aufgrund von Kohlekraftwerken und Verkehr – eine bunte Melange der üblichen grünen „Talking Points“, deren beliebige Verquirlung aber maximal als Nebelkerze dienen kann. Die Kurzfassung, wenn man es mit den Fakten ernst nimmt: Erstens stoßen moderne Verbrennerautos derart wenig Schadstoffe aus, dass sie zum Smogproblem nichts relevantes beitragen. Zweitens stellt man Kohlekraftwerke selten direkt in die Stadt, und die moderne Filtertechnik sorgt auch hier dafür, dass sie zum Smogproblem nichts relevantes beitragen. Drittens hilft der Ersatz von Verbrennerautos durch Elektroautos dem Klimaschutzthema in China überhaupt nicht, weil der Strommix in China sehr kohlelastig ist und das die CO2-Bilanz des Elektroautos nachhaltig versaut. Viertens sind die Smogprobleme in China hausgemacht, weil die auf dem Papier guten Emissionsstandards nicht durchgesetzt werden, die Innenstädte voll von Zweitaktern ohne Abgasreinigung sind und die Hausfeuerung oft auf Kohle und Holz basiert. Aber es gibt Hoffnung: China setzt auf den massiven Ausbau der Kernenergie, die dann endlich sauberen Strom für die Elektromobilität, Wärmeerzeugung und Industrie bereitstellen kann. Zu dieser Lösung höre ich allerdings Herrn Hofreiter nicht wirklich jubeln.

Um den Fall China nochmal zu präzisieren: China sitzt bei den Klimaschutzabkommen am Tisch, weil sie dort eine einfache Möglichkeit sehen, ihrer Volkswirtschaft Vorteile gegenüber der westlichen Konkurrenz zu verschaffen. Und China denkt über eine Elektroautoquote nach, weil es eine elegante protektionistische Methode ist, die ausländische Konkurrenz aus dem Land fernzuhalten – allerdings sind wohl nur die Grünen dumm genug, darauf reinzufallen und das grüne Gewissen hinter dieser Idee zu vermuten.

Übrigens sieht man an dieser Stelle auch wieder die typische ökonomische Inkompetenz der Grünen durchscheinen: tatsächlich kann man ja argumentieren, dass die Elektrifizierung des Verkehrs einen Beitrag zu sauberer Luft leisten kann. Aber es ist eben eine unglaublich teure Möglichkeit, eine gigantische Fehlallokation von knappen Finanzmitteln, wie sie sich nur ökonomieferne – und damit menschenfeindliche – Geister wünschen können.

Dann der nächste Gag – Hofreiter will auf Technologie und Innovation setzen, und das aus dem Munde der technologie- und innovationsfeindlichsten Truppe überhaupt, die am liebsten per schwarzer Liste ganze Technologiebereiche verbieten oder zumindest totregulieren würden. Aber er macht ja dann gleich klar, wie er es gemeint hat: der Staat gibt das enge Korsett an Regulierungen vor, und in diesem Rahmen darf die Industrie dann ihren Ingenieuren natürlich volle Freiheiten einräumen.

Dann gibt Hofreiter wieder den Wirtschaftsexperten und redet von „Sprunginnovationen“, und nennt als schlechtes Beispiel RWE. Und wirft Ex-RWE-Chef Großmann eine fehlgegangene Prognose bezüglich der erneuerbaren Energien vor. Nun, Großmann lag da ganz sicher daneben, aber warum denn? Kein vernünftiger Mensch konnte sich damals vorstellen, dass die Politik wirklich so weit gehen würde, der Volkswirtschaft riesige Milliardenkosten aufzuladen, um für würdig befundene erneuerbare Energien gnadenlos in den „Markt“ zu drücken, ohne Sinn und Verstand, ohne Rücksicht auf die Netzstabilität oder Umweltbelange. Abgesehen davon hat sich RWE durch clevere Umstrukturierung inzwischen erstaunlich freigeschwommen und wartet wohl geduldig auf das Ende des Irrsinns. Allein die Idee, die jahrzehntelange Subventionierung zur Erhöhung der Stromproduktion aus Sonne, Wind und Biomasse als „Sprunginnovation“ zu bezeichnen, zeigt die ganze geistige Armseligkeit.

Irgendwie will Hofreiter unbedingt die deutsche Autoindustrie zum radikalen Kurswechsel hin zur E-Mobilität überzeugen. Da passt es natürlich nicht ins Bild, dass die deutsche Autoindustrie ganz hervorragend verdient, kerngesund ist und technologisch an der Spitze steht. Aber Fakten, was sind schon Fakten. Hofreiter prognostiziert den baldigen Untergang, und sieht die heutigen hohen Gewinne als Menetekel. Also Google, Apple, hergehört: euer Untergang ist nahe. Tesla hat es lange Zeit richtig gemacht: den Wünschen der Grünen gefolgt und Jahr für Jahr satte Verluste eingefahren. Aber oh weh – im letzten Quartal gab es dort auch Gewinne! Der Anfang vom Ende, wenn man Hofreiter glaubt. Was er wohl momentan zu Toyota sagt, die er früher ja gerne ob ihrer Hybridtechnik als Technologieführer gelobt hat, die aber jetzt eine Total-E-Auto-Verweigerer-Strategie fahren?

Dann setzt Hofreiter gagtechnisch dem ganzen aber die Krone auf: er bezeichnet die Diesel-Technologie als „herbeisubventioniert und fast wie in einer Planwirtschaft gefördert“. Dabei scheint er zu vergessen, dass den „Erleichterungen bei der Mineralölsteuer“ die Bestrafung bei der KfZ-Steuer gegenübersteht. Und dass „Clean Diesel“ sehr wohl funktioniert, kann man bei einigen sehr sauberen Dieselfahrzeugen in aktuellen RDE-Tests sehen. Amüsanterweise sind darunter auch Fahrzeuge aus dem VW-Konzern. Aber mit Fakten hält sich einer wie Hofreiter natürlich nicht auf, wenn es um die ideologische Grundausrichtung geht. „Es ist fahrlässig, am Diesel festzuhalten.“ An Hofreiter ist definitiv ein aufrechter Planwirtschaftler verloren gegangen.

Aber dann schiebt Hofreiter eine fette Drohung hinterher: er will die Autoindustrie retten! Da halte ich es mit Ronald Reagan, der mal folgendes gesagt hat: „The most terrifying words in the English language are: I’m from the government and I’m here to help.“

Und wie er sich so eine Rettung vorstellt, gibt er auch gleich zum Besten. Grenzwerte weiter verschärfen, Verbrenner bis zum Jahr 2030 komplett verbieten. Hofreiter nennt das „verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, das schafft Investitionssicherheit“. Verbieten, abschaffen, gängeln, regulieren, das bekannte Werkzeugsortiment der Grünen (und nebenbei fast aller politischen Parteien in Deutschland).

Dann zeigt Hofreiter, dass er technologisch ganz nah am Puls der Zeit ist: „Fachleute sagen, dass in etwa drei Jahren in Asien der 1000-Kilometer-Akku in Serienproduktion gehen könnte – und zwar zu bezahlbaren Preisen. Wenn das so kommt, dann stellt das unsere gesamte Autoindustrie vor enorme Herausforderungen.“ Nun: der 1000-Kilometer-Akku ist bereits heute erhältlich, dummerweise ist er aber so groß, schwer und teuer, dass man so ein Monsterteil nicht in ein Auto bauen will. Und wenn man mal die Fortschritte der Akkutechnologie der letzten 20 Jahre extrapoliert, kann man schon mal ins Grübeln kommen, wo denn der revolutionäre Fortschritt in den nächsten drei Jahren herkommen soll. Aber das ist Kaffeesatzleserei. Gehen wir einfach davon aus, dass in Asien tatsächlich in drei Jahren der bezahlbare, kompakte, langlebige und ultraschnelladefähige Wunderakku in Serienproduktion geht. Na ist doch super – den kaufen dann die deutschen Autohersteller und bauen ihn in ihre Autos ein. Und weil er so preiswert ist, ist er ja nicht wirklich relevant für die Wertschöpfungskette, sondern ein ganz normales Zulieferteil. Und man hat ja noch nicht davon gehört, dass irgendein Autohersteller in Schwierigkeiten gekommen ist, weil er die Einspritzpumpe von Bosch und das Getriebe von ZF eingekauft hat. Aber solche innere logische Widersprüche erkennt man eben nicht, wenn man die richtige Ideologie mit der Muttermilch aufgesogen hat.

Hofreiter versucht im Interview ja durchgängig, pragmatisch und keinesfalls autofeindlich daherzukommen – baut alle E-Autos, und alles wird gut, scheint seine Message zu sein. Aber dann blitzt die alte Ideologie doch wieder durch: „Es geht um moderne Formen der Mobilität, um weniger Autos.“ Aber wenn die Autos doch ökologisch unbedenklich sind, warum sind sie dann nicht Teil der modernen Mobilität? Innere Widersprüche, wohin man schaut. Aber kognitive Dissonanz kann man bei genügend Selbstbewusstsein problemlos ertragen.

Dann wärmt Hofreiter noch einen alten Klassiker der E-Auto-Fraktion auf: die Flotte der Elektroautos sei der perfekte Puffer zur Abfederung von Stromspitzen und würden dadurch quasi Hand in Hand mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien gehen. Ich verzeihe ihm für den Moment seine unpräzise Ausdrucksweise („Stromspitzen“), ich glaube es ist klar was er meint. Nur: er liegt komplett daneben. Ein „perfekter Puffer“ hat große Kapazität, ist zyklenfest, ist preiswert, hat einen hohen Lade-/Entlade-Wirkungsgrad, kann dauerhaft hohe Leistung abgeben und aufnehmen, ist verbraucher- und erzeugernah, steht jederzeit zur Verfügung. All das erfüllt der Akku im E-Auto nicht mal ansatzweise. Und das sogar, wenn man die Notwendigkeit von großen saisonalen Speichern erstmal der Einfachheit halber ignoriert.

Dann ein weiterer Klassiker des grünen Gedankenguts: Kreislaufwirtschaft. Solange nur alles irgendwie recycelt wird, ist alles gut. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Recycling ist aufwändig, Recycling kostet Geld (oftmals hauptsächlich in Form von Energie). Nur weil man sich die Kreislaufwirtschaft wünscht, ist diese noch lange nicht technisch oder finanziell sinnvoll. Es kommt immer drauf an. Aber Grauzonen mag man in der Schwarz-Weiß-Welt der Chefideologen eben nicht.

Wer es so weit geschafft hat: ich habe bei diesem Artikel mal die Kommentarfunktion aktiviert – ein Experiment. Mal sehen, wie es läuft. Alle Kommentare werden moderiert. Ich lösche nach Gutdünken.

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