Aktueller Pandemie-Zwischenstand

Schon Mitte März hatte ich gemutmaßt – unter dem vorsichtigen Titel “Wirkt die Impfung?” –  dass die Pandemie im Angesicht des nun verfügbaren Impfstoffs und steigender Impfquote langsam ihrem Ende entgegengeht oder zumindest in einen gut managebaren Bereich kommt.

Inzwischen kann man glaube ich aufgrund der vorliegenden Zahlen und trotz neuer Mutationen mit einiger Sicherheit behaupten: “Die Impfung wirkt!” Die Delta-Mutante scheint nach den Zahlen vor allem bei AstraZeneca dafür zu sorgen, dass Neuinfektion nicht mehr so gut verhindert wird, aber schwere Verläufe scheinen immer noch sehr selten zu sein. Das sagen zumindest die UK-Zahlen. Die Israel-Zahlen verkünden, dass der Biontech-Stoff kaum an Wirksamkeit eingebüßt hat – aktuell (grob seit Ende April) schwankt das 7-Tage-Mittel der an oder mit COVID-19-Verstorbeen zwischen 0 und 2 pro Tag. Und auch die Zahl der Neuinfektionen scheint sich auf niedrigem Niveau zu stabilisieren.

Es beginnt nun also eine neue Phase der Pandemie. Bisher konnte man aus den Inzidenzen mehr oder weniger direkt auf die Größe des (in zwei bis vier Wochen kommenden) Problems schließen, der einzige relevante Einflussfaktor war das Alter der Infizierten. Inzwischen muss man zusätzlich den Impfstatus berücksichtigen und Erfahrungswerte sammeln, wie gut der Impfschutz bei welchem Teil der Bevölkerung wirksam ist. Die bisher so beliebte 7-Tage-Inzidenz taugt nun auf keinen Fall mehr als Handlungsindikator, und es bleibt abzuwarten, mit welcher griffigen Zahl die Politik in diesen Wahlkampfzeiten aufwarten wird – Bundestagswahl ist am 26. September, da war 2020 die Welt auch noch weitgehend in Ordnung und man sonnte sich im Glanz der eher zufällig zustande gekommenen Erfolgsbilanz der ersten Welle – man wird mögliche neue Maßnahmen also ganz sicher auf “nach der Wahl” vertagen.

Gott sei Dank gibt es ja schon Freiwillige, die sich lange vor diesem Termin als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen oder gestellt haben. Die Niederländer hatten aufgrund niedriger Inzidenzen und gewissem Impffortschritt am 26.6. die bisherigen Eindämmungsmaßnahmen beendet, mussten aber aufgrund steigender Zahlen in den Krankenhäusern schon am 10.7. wieder partiell zurückrudern – bei den Todeszahlen ist das Problem noch nicht allzu deutlich zu sehen, aber so lange wollte man wohl nicht warten, zu explosiv ging die Zahl der Neuinfizierten in die Höhe (von unter 500 pro Tag auf über 10000 pro Tag). Die Briten lassen den nächsten Europa-Versuchsballon starten (und haben sich ja schon bei der EM in vollen Stadien warmgelaufen), werden voraussichtlich am 19.7. wieder vollständig zur Normalität zurückkehren. Dort haben über 60% mindestens eine Impfdosis bekommen und gelten über 50% als vollständig geimpft. Die derzeitigen Zahlen – recht hohe Zahl an Neuinfektionen mit über 30000 am Tag, aber nur minimaler Anstieg bei den schweren Verläufen bis zum Tod – lassen vermuten, dass das zumindest im Sommer akzeptabel funktionieren könnte.

Wie wird der Herbst? Und was ist mit Deutschland? Werden die Schulen wieder schließen? Offenbar war die Niederlande mit “alles öffnen” zu früh und/oder zu offensiv, was in Großbritannien passiert ist noch offen. Die Niederlande lagen zum Zeitpunkt der Öffnung bei einer Erstimpfungsquote von etwa 50% und vollständiger Impfung bei 30%, das ist also eher nicht ausreichend. Es ist zu erwarten, dass Deutschland Ende August bei einer Zahl von mindestens 60% vollständig Geimpfter landen wird. Das sind nicht die allerschlechtesten Voraussetzungen für eine Rückkehr in die Normalität, wenn der allergrößte Teil der ungeimpften Kohorte unter 18 ist. Siehe Israel. Das könnte funktionieren.

Und ganz ehrlich: außer einer möglichst hohen Impfquote sehe ich keine Chance auf einigermaßen gefahrlose Rückkehr in die Normalität. Bei den jungen noch Ungeimpften ist die Zahl der schweren Verläufe extrem niedrig. Und bei den absichtlich ungeimpft bleibenden läuft ein schwerer Verlauf dann eben unter “persönliches Pech”. Dann haben wir endlich den Zustand erreicht, den einige uninformierte Kreise schon im März 2020 herbeiphantasiert haben: COVID-19 ist – bezogen auf die Gesamtbevölkerung – nichts als eine relativ harmlose Grippe. Auf Einzelschicksale wird dann keine Rücksicht mehr genommen.

Jedenfalls hat unsere Politik durch konsequentes Nichtstun sichergestellt, dass nach den Sommerferien auch hierzulande ein großer Modellversuch startet: offene Schulen bei weitgehend ungeimpfter Schülerschaft in Abwesenheit tauglicher technischer Lösungen.

Spannend bleibt es weiterhin – auch wenn das permanente Totalversagen der Politik eine verlässliche Konstante war, ist und bleibt. Denn bisher völlig offen ist die Frage, wie lange der Impfschutz hält, und auch wie lange die Genesenen geschützt bleiben. Vermutlich wird das auch davon abhängigen, wie kreativ der Virus vor sich hin mutiert, ob es Escape-Mutationen geben wird, die der Impfung und/oder dem durch Genesung gebildeten Schutz entfleuchen können. Und falls es solche Mutationen gibt, ob sie ähnlich infektiös sind und eine ähnlich lange Inkubationszeit haben und ähnlich schwere Krankheitsverläufe verursachen können. Eines scheint jedenfalls klar: “nicht impfen” kann keine Lösung sein, das Erreichen einer ausreichenden Immunität mittels “Durchseuchung” erhöht auch die Wahrscheinlichkeit für ungünstige Mutationen drastisch, von den “Kollateralschäden” ganz abgesehen. Wir werden mit dem Virus zukünftig leben wie mit der jährlich wiederkehrenden Grippewelle, und ich prognostiziere, dass es eine jährliche Auffrischimpfung gegen COVID-19 geben wird – mit dem Unterschied, dass man vermutlich eher 60 Mio. als die bei der Grippe gewohnten 15 Mio. Impfdosen benötigen wird. Dann werden die mRNA-basierten Impfstoffe zeigen, wie schnell sie wirklich in der Praxis anpassbar sind, und ob die Herstellung zu akzeptablen Kosten möglich sein wird.